Jahrgang 
1910
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Am Sonntag den s. August fand sodann in der Aula des Lessing-Gymnasiums eine von dem Verein ehemaliger Lessing-Gymnasiasten veranstaltete Gedächtnisfeier statt. Der Schülerchor eröffnete die Feier. Dann ergrift Herr Professor Dr. Sprengel das Wort. Er pries vor allem die Herzensgüte, die schöne und edle Menschlichkeit des Verstorbenen, der seiner Schule ein wirklicher Vater war, von fast zärtlicher Besorgtheit für das Wohl der Gesamtheit wie jedes Einzelnen; ein Mann von warmem Herzen, von gewinnender Liebenswürdigkeit, die auch bei flüchtiger Begegnung tiefen Eindruck machte; eine feine, harmonische Persönlichkeit, welche die Widersprüche des Lebens in Güte auszugleichen suchte, die jenen echten Humor besaß, der aus dem Glauben an die ursprüngliche Güte der menschlichen Natur entspringt; die für alles Gute und Schöne und Erhabene einen scharfen Blick besaß; die von tiefer, aufrichtiger Frömmigkeit erfüllt war. Herr Studiosus Ernst Majer-Leonhard sprach darauf im Namen seiner alten Schüler. Auch er feierte den Verstorbenen als Vater seiner Schüler beim Unterricht, als ihren Freund bei Spiel und Erholung, als einen Lehrer, bei dem die Arbeit eine Freude gewesen sei. Aus Liebe sei alles entsprungen, was er an seinen Schülern getan habe, Liebe sei sein ganzes Lebenswerk gewesen. Das Schlußwort sprach der Direktor. Er rühmte des Verstorbenen hohen und vornehmen Sinn, milde Art und hochgespannten sittlichen Idealismus:er war ganz erfüllt von einem herzlichen Glauben an unsere Jugend, an den guten Geist, der in ihr waltet; ihm war es selbstverständlich, daß sich die Erziehung an den ganzen Menschen wenden müsse, nicht an den Verstand allein, sondern an die tiefen Kräfte der Empfindung und des Gemuts; er wußte, daß die Liebe schließlich doch die beste Erzieherin ist; er wollte eine freudige, frische Jugend, die im Studierzimmer und im Klassenraum ihre Pflicht täte, aber auch Sinn hätte für die Schönheiten der Natur, für die Freuden der Geselligkeit und Kameradschaftlichkeit, die sich auch körperlich kräftig tummelte; er war darauf bedacht, ihr von Zeit zu Zeit eine Erholung zu schaffen, in der sie kräftig aufatmen könnte, Höhepunkte des Schullebens, an die sich noch lange eine freudenreiche Erinnerung knüpfen könnte. Mit dem Vortrag der Elegie für Cello und Klavier von D. van Goens durch die Eltern eines unsrer Schüler, Herrn und Frau Wallau, schloß die Feier.

2. Lehrerkollegium. Unterricht.

Zu unsrer großen Trauer hat der Tod auch unmittelbar in unsere Schulgemeinde hineingegriffen. Am 11. August verschied an den Folgen einer schweren Darmerkrankung der Obertertianer Mansour Rahman. Er war erst seit 1 ½ Jahren bei uns. Anfangs war es ihm nicht leicht geworden, sich in die neuen Verhältnisse hineinzugewöhnen; aber er hatte sich ernsthaft und redlich bemüht, und seine Lehrer freuten sich seines Strebens. Er war ein liebenswürdiger, gutgearteter, hilfsbereiter Knabe, ein guter Kamerad seiner Kameraden. Einige seiner Lehrer, der Direktor und seine Klassengenossen begleiteten ihn zur letzten Ruhestätte. Die gesamte Schule versammelte sich zu einer Morgenandacht, bei der der Direktor des Verstorbenen gedachte.

Das Schuljahr begann am 19. April; die Zahl der Klassen betrug 10; die Unterprima war geteilt.

Herr Probekandidat Grevel erteilte im ersten Vierteljahr des Sommers den naturkundlichen Unterricht in Untertertia, den mathematischen und erdkundlichen in Quarta und den deutschen in Quinta. Im zweiten Vierteljahr gab er Naturkunde in Untertertia und Mathematik in Quarta. Zu Michaelis verließ er uns.

Herr Probekandidat Steinebach, der uns zu Ostern zugewiesen wurde, gab im Sommer 4 Stunden Latein und 2 Stunden Geschichte in Untertertia und 3 Stunden Deutsch in Quarta. Im Winter gab er im ersten Vierteljahr 8 Stunden Latein in Sexta, im zweiten Vierteljahr 3 Stunden Latein in Quarta und 3 Stunden Deutsch in Sexta; außerdem unterrichtete er aushilfsweise am hiesigen Philanthropin.

Zu Beginn des Wintersemesters wurden uns zur Ableistung des Probejahres die Herren Hartstein, Dr. Ahrens und Weber zugewiesen. Doch verließen uns die beiden ersten bereits gegen Ende November, der eine um an der Oberrealschule zu Fulda, der andere um an der Oberrealschule zu Schmalkalden das Probe- jahr fortzusetzen und zugleich eine wissenschaftliche Hilfslehrerstelle zu bekleiden. Herr Weber gab während des Winters 4 Stunden Latein in Obertertia und 6 Stunden Griechisch in Untertertia.

Herr Professor Dr. Knoegel nahm zu Pfingsten an dem archäologischen Kursus in Bern und Trier teil. Herr Professor Michelis war vom 9. bis zum 22. Juni zu einer militärischen Ubung einberufen. Herr Zeichen- lehrer GCaster erkrankte im Juni und mußte bis zu den Juliferien der Schule fern bleiben. Nachher nahm er seinen Dienst wieder auf; doch zeigte sich bald, daß er längerer Schonung bedürfe, und so wurde er bis Ostern