Jahrgang 
1910
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II. Verfügungen des Kgl. provinzial-Schulkollegiums.

29. März.(Ministerial-Erlaß). übersendung des Gutachtens der wissenschaftlichen Prüfungskommission über die lateinischen Reifeprüfungsarbeiten.

29. April. Auszug aus dem Bescheid des Herrn Ministers auf den Verwaltungsbericht.

11. Mai.(Ministerial-Erlab). Anweisung, im evang. Religionsunterricht des 400. Geburtstages Calvins zu gedenken.

. August.(Ministerial-Erlaß). Anweisung über die Feier von Schillers 150. Geburtstag.

7. August.(Ministerial-Erlaß). Hinweis auf dieAnweisung zur Verhütung der Verbreitung übertragbarer Krankheiten durch die Schule.

10. September. Genehmigung der Baier-Stittung.

21. Dezember. Genehmigung der Kurzstunde.

28. Dezember. Ernennung des Herrn Oberlehrers Ankel zum Professor.

29. Dezember. UÜber Bekämpfung der Tuberkulose.

III. Chronik.

1. Der Tod des Herrn Provinzialschulrats Dr. Baier.

Die Anstalt hat in dem verflossenen Schuljahr einen schweren Verlust erlitten. Am 19. Mai 1909 verschied zu Cassel nach langer, schwerer Krankheit der erste Direktor des Lessing-Gymnasiums, Herr Pro- vinzial-Schulrat Professor Dr. Baier. An der Beerdigung, welche am 22. Mai stattfand, nahmen der Direktor und die beiden altesten Mitglieder des Lehrerkollegiums teil und legten im Namen des Lehrerkollegiums und der früheren Schüler des Verstorbenen Kränze nieder. Als Vertreter des Vereins alter städtischer Gymna- siasten war Herr Referendar Majer-Leonhard erschienen. Am Dienstag, den 26. Mai, begingen wir in der Aula des Gymnasiums zu Ehren des Verstorbenen eine Gedächtnisfeier. Die Ansprache hatte Herr Professor Dr. Knoegel übernommen, der in den Schülern das Bild des Entschlafenen lebendig zu machen suchte als eines Mannes, der einen außergewöhnlich tiefgehenden und nachhaltigen Eindruck auf seine Schüler gemacht habe. Als Philologe dies etwa war der Kern seiner Ausführungen vereinigte der Dahingegangene scharfen, eindrin- genden Verstand mit echt wissenschaftlichem Streben und gründlichen, weitverzweigten Kenntnissen, und diese Seite seines Wesens trat auch im Unterricht immer wieder in den Vordergrund: wissenschaftliches Interesse zu wecken war sein erstes Ziel. Wie im Beruf, so war er im Leben: scharf sonderte er auf allen Lebensgebieten das Echte, Wertvolle, Dauernde von dem Unechten, Minderwertigen, Vergänglichen. So hielt er auch seinen Willen auf das Wesentliche gerichtet. Derselbe Mann, der für Scherz und Humor einen offenen Sinn hatte, zeichnete sich aus durch peinlich treue Pflichterfüllung und strenge Selbstzucht. Abgerundet aber und ausgeprägt aber wird das Bild erst durch die gewinnende Milde seines Wesens und die Lauterkeit des Charakters. Dieser treue und ängstlich besorgte Familienvater umfaßte alle seine Schüler mit der gleichen Teilnahme und Liebe. Es war ein seltenes Vertrauensverhältnis, in dem er zu allen stand. Der Redner schloß mit dem Wunsche, daß dies Bild den Schülern vorbildlich werden möge für ihr wissenschaftliches Streben und für ihre Liebe zu allem Echten und Guten.

Noch auf dem Sterbebette hatte der Verstorbene seiner alten, lieben Anstalt gedacht. Er hatte ange- ordnet, daß dem Lessing-Gymnasium ein Kapital von 3000 Mark zugewiesen würde, das zur Förderung des sportlichen Lebens dienen solle. Daraus ist eine Baier-Stiftung errichtet worden, aus deren Zinsen je nach Bedürfnis die verschiedenen Zweige des Sports unterstützt werden, insbesondere aber Preise beschafft werden sollen, die bei Gelegenheit unsers Turnfestes und des Schwimmfestes verteilt werden und immerdar das Gedachtnis dieses Mannes erneuern sollen, der der Jugend seine ganze Seele entgegengebracht hat. Es darf an dieser Stelle hinzugefügt werden, daß Frau Provinzialschulrat Baier einen großen Teil der Büchersammlung des Dahin- geschiedenen, wertvolle Bücher vornehmlich philologischen Inhalts, der Lehrerbibliothek des Lessing-Gymnasiums zugewandt hat.