Jahrgang 
1930
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das Ufer schlagen. Hier und da springen Fische aus dem Wasser, als ob sie sich die Welt über dem Wasser ansehen wollten. Leise weht ein kühles Lüftchen. Wie angenehm ist dies nach dem heißen Tage. Die Sonne ist inzwischen unter- gegangen. Nur das feurige Abendrot am Horizont gibt die Richtung an, in der sie versunken ist. Auch das wird bald verschwinden. Das fröhliche Gezwitscher der Vögel ist schon verstummt. Sie sind in ihre Nester geflogen. Immer stiller wird es. Kein Laut ist mehr zu hören außer dem eintönigen Plätschern des Wassers. Die Natur geht auch zur Ruhe, um am anderen Morgen vielleicht noch prächtiger aufzustehen. Ueber dem Neckar steigt leichter Nebel auf. Die vorher noch gespensterhaft aussehenden Berge sind durch die geheimnisvolle, undurchdringbare Nebelwand verdeckt worden. Es wird immer dunkler. Die Nacht breitet ihre Schatten über die Natur. Ich stehe auf und wende mich der Herberge zu. Der schöne Abend wird mir unvergeßlich bleiben. Benno Eranke Ollla.

g. Kleine Erlebnisse von unserer Studienfahrt.

Voller Erwartung steigen wir am ersten Tag unserer Fahrt in Andernach aus dem Zug. Wir sind müde und hungrig. Aber trotzdem ist alles guter Laune. Wo ist unsere Herberge? Lachend und mundharmonikaspielend marschieren wir durch das schmucke Rheinstädtchen. Aus den kleinen, gemütlichen Weinstuben dringt fröhliches Gelächter. Man singt und ist vergnügt. Am Rheinufer entlang führt eine schöne, breite Straße, mit Anlagen geschmückt. Aber wo ist bloß unsere Herberge? Aha! Dort drüben in dem großen runden Turm! Wie ein trutziger Recke blickt er über die kleinen, sauberen Dächer.Mensch! Ist das aber romantisch!, bemerkt der lange Aegypter, der allen vorausgceeilt ist und uns nun am Tor erwartet. Als uns dann aber der Herbergsonkel die steile Wendeltreppe hinaufführt, da ist schon etwas von der Romantik hin. Die verflixte Treppe will aber auch kein Ende nehmen. Immer einer hinter dem andern, immer im Kreis herum! Der lange Agypter keucht:Verdammte Kaffeemühle! Na, endlich sind wir oben. Wir sind im Tagesraum angelangt und atmen auf.

Es ist am Abend dieses Tages. Fröhlich sind wir von unserem Abendspaziergang durch das schmucke Städtchen zurück- gekehrt. Wir sind müde. Unser Schlafraum liegt ganz oben im Runden Turm. Wir erfrischen uns an der Dusche. Dann trete ich an die Brüstung des Rundgangs und blicke hinab. Der Mond ist aufgegangen und übergießt die ganze Landschaft mit seinem magischen Licht. Sternenklare Sommernacht! Vom Wasser herauf weht ein kühler Wind. Die kleinen Gassen da unten sind kaum erleuchtet. Das ganze Städtchen scheint bereits zu schlafen. Das silberne Licht des Mondes fließt über die Dächer und Türmchen des Häusergewirrs. Von der nahen Pfarrkirche schlägt's zehn Uhr. Langsam und feierlich durchzittern die Schläge die duftende, sommerliche Luft. Dort links steht der alte Kran, am Fuß des Kranenberges. Er ist jetzt kaum zu erkennen. Nur ein schwarzes Etwas hebt sich gegen das unruhige Wasser ab. Leise, als wolle er das schlafende Städtchen nicht wecken, streicht der Rhein vorüber. Der Mond spiegelt sich im Wasser: Ein breiter Gold- streifen quer über den Strom. Die spitzen Giebel der kleinen, baufälligen Häuschen heben sich gegen das Wasser ab. Langsam und träge kommt ein Floß heran. Nur wenige Lichter brennen darauf. Sie spiegeln sich im Wasser: kleine, schmale Silberstreifen. Allmählich verschwindet das Floß. Die Fähre legt langsam am Ufer an. Kaum hörbar rauscht der Strom vorbei: Sonst Totenstille.

Einige Tage später. Es ist ein heißer Sommernachmittag. Wir marschieren auf Manderscheid zu. Der Weg ist lang, die Hitze groß. Wir singen alle möglichen und unmöglichen Lieder. Herr Dr. Marcus spielt Mundharmonika. Da geht's schon etwas besser. Endlich sind wir an der Jugendherberge angckommen. Aber sofort sind alle Mühen und Qualen des Weges vergessen; denn wir treffen die Mädels wieder, mit denen wir schon in Darscheid zusammen waren. Man nickt sich heimlich zu und lacht. Wer denkt jetzt noch an den langen Weg?! Aber zunächst wird in dem feudalen Waschraum gründlich geduscht. Dann geht's hinab in das schmucke, freundliche Städtchen. Die Mädels begleiten uns. Lachend ziehen wir durch die sauberen Straßen. Die Mädels haben Teller und Töpfe mitgenommen. Einer fragt:Na, sagt mal, warum habt ihr denn cuer Geschirr mitgenommen?Ja, lautet die Antwort,wird würden nämlich mal so gerne Dick- milch essen! Und nun geht's los: Von einem Bauernhaus zum andern:Guten Tag! Haben Sie Dickmilch?Dick- milch??Ja, Dickmilch!Naa, Dickmilch ho mir koa!ÜNa, dann: Guten Tag! Jedesmal, wenn wir keine bekommen haben, kichern die Mädels. Aber nach langem Suchen bekommen wir dann doch welche. Und zwar nicht so knapp. In großen, irdenen Töpfen schleppen wir sie hinauf zur Jugendherberge. Die Leute aus dem Städtchen sehen uns lange nach. Unterwegs kauft man noch irgend etwas ein. Allmählich geht die Sonne unter. Als wir an der Jugend- herberge ankommen, sitzt unser Klassenlehrer friedlich davor und malt. Wir gehen in den Tagesraum. Die andern haben aber schon gegessen. Also zu spät!? Na, macht nichts. Wir nehmen unsere Suppe. Die ist so dick, daß der Löffel darin stecken bleibt. Sie schmeckt aber trotzdem ganz gut. Die Köchin hat's eben ein wenig zu gut gemeint. Auf einmal heißt'sWer sind die Herrschaften, die vorhin zu spät kamen? Wir werden notiert. Und wieder kichern die Mädels in der andern Ecke des Zimmers. Am Abend spielen und singen wir noch mit den Mädels. Dann aber heißt'sRein in die Klappe! Der Abschied fällt manch einem schwer. Verschiedene sollen sogar die Nacht nicht geschlafen haben. Wie's bei den Mädels war, weiß ich nicht; denn als wir am andern Morgen weiter marschierten, schliefen sie noch.

Heinz Ommert Olla. h. Aus dem lIagebuch unserer Studienfahrt(auf der Fahrt niedergeschrieben)].

Fahnengeschmückt ist Marburg, denn es sind hier Festspiele. Bunt belebt, malerisch ist die Stadt. Alles scheint wie durch- einandergeworfen. Da liegen um die Elisabethenkirche die alten, an die Wand geklebten Häuser wie Kinder um ihre Mutter. Und oben steht ernst das Schloß, der Vater.

Die Burg. Dichtgedrängt, ein Gewirr von Linien und Winkeln. Die Burg ist schmutziggrau von außen. Im Innern ein großer, wohlangelegter Rittersaal, der zweitgrößte gotische in Deutschland. Geordnet ist jetzt alles. In regelmäßigen Ab- ständen hängen Wappen an den Wänden... Doch da schreitet der Landgraf klirrend, mit langen Schritten durch den Saal. Dann und wann reibt er seine Hände über dem wärmenden Kamin. Ob ihm wohl die Schönheit der Kapi- täle, Schlußsteine, Türen und Fenster eigentlich immer so recht zum Bewußtsein gekommen ist?... Wir steigen die eng gewundene Wendeltreppe herab. Das Wetter hat sich geklärt. Breiter Sonnenschein liegt über der Stadt. Zur Uni- versität gehen wir jetzt. Sie ist in einem alten Kloster gelegen. Ueberall in der Universität lebt noch das Mittelalterliche. Die Aula könnte ein KRittersaal sein. Bilder verkleiden vollständig die eine Wand, auf die das Licht durch kunstvoll ver-

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