Ein hoher Kuppelbau wölbt sich schützend über die Grabstätte. Frei erhebt sich der gewaltige Sarkophag des Kaisers unter der hohen Kuppel. Es ist ein an den Enden geschweifter, roter Granitblock, der schwer auf einem Sockel aus grünem Gestein lastet. Bläuliches Licht wirft seinen gcheimnisvollenSchein ringsum auf die Standbilder, die seine Hauptsiege ver- sinnbildlichen. Zahlreiche vom Alter gebleichte Fahnen sind dazwischen aufgestellt; sie sprechen von blutigen Siegen auf fremder Erde. Zeugnis von siegreichen Schlachten geben auch die Reliefs, die rundum an ciner Galerie angebracht sind. Sogar der Fließboden spricht vom Ruhme des Kaisers. Die Namen seiner Schlachten sind dort eingezeichnet! Alles Ge-
Kue kündet von der Fülle des Ruhmes, wie zur Verherrlichung eines Gottes. Vom Menschentum des Kaisers redet nichts.
An dieser geweihten Grabstätte enthüllt sich die französische Volksseele in ihrem ganzen Fühlen und Streben, im Rausche ihrer unersättlichen Sucht nach„gloire“.
Auf unserer Studienfahrt stand ich im Bamberger Dom vor dem Grabmal Heinrichs II. und seiner Gemahlin Kunigunde. Ein wohltuendes, gedämpftes Licht läßt im altehrwürdigen Dom den Beschauer in tiefe Andacht versinken. Sein Blick bleibt an der wuchtigen Steinmasse des Grabmals haften. Kein Prunk verrät ihm, daß unter diesem hohen Steinquader das chrwürdige Kaiserpaar ruht. Einfach ist die Linienführung. Die Oberseite trägt die überlebensgroßen Gestalten des Paares. Als einziger Schmuck sind an den Seitenwänden KReliefs angebracht. Es sind schlichte Schilderungen aus dem Leben des Herrscherpaares. Recht anschaulich zeigt uns der Künstler, wie der Kaiser seine Gemahlin auf ihre eheliche Treue prüft, indem er sie über glühendes Eisen schreiten läßt. Weiter wird die Kaiserin dargestellt, wie sie als tüchtige Hausfrau ihren Arbeitsleuten den Lohn selbst auszahlt. Eine menschliche Szene auf der anderen Seite zeigt den Kaiser selbst krank zu Bett liegend.— Die Auswahl der Bilder im Rahmen eines kaiserlichen Grabmals sctzte mich zunächst in Erstaunen. Heinrich II. war mir doch aus der Geschichte als bedeutender Herrscher bekannt. Er war ein siegreicher Verteidiger des Deutschtums im Osten. Er hat das Bistum Bamberg gegründet. Und nun diese Darstellungen, die seine äußeren Lebens- erfolge völlig übergehen?!
Doch schon nach kurzem Nachdenken erkannte ich, wie feinsinnig Riemenschneider, der Schöpfer des Kunstwerkes, die Wesensart des Kaisers erfaßte, wenn er solche Bilder voller Menschlichkeit darstellte. Sein Werk erschien mir als eine Spiegelung deutschen Wesens. Inniges Familienleben, Sinn für Häuslichkeit und tiefes religiöses Empfinden, das ist doch rein deutsche Eigenart. So wurde mir dieses Grabmal zum Erleben kerndeutschen Volkscharakters!
Meine Gedanken gingen zurück zum französischen Kaisergrab im Invalidendom zu Paris. Welch großer Unterschied zwischen deutscher und französischer Seele! Nie wurde mir dieser Gegensatz stärker und klarer bewußt, als im Bamberger Dom vor dem Grabmale des deutschen Kaiserpaares. Waldemar L.erch UIla.
e. Die Krypta im Dom zu Speyer.
Wir stehen mit beklommenem Herzen im Hauptschiffe des Speyerer Domes. Spärliches Licht fällt durch die hohen ge- malten Glasfenster und wirft matte, bunte Reflexe auf Gewölbe, Wände und Steinfließen des Bodens. Mich befällt ein Gefühl der Ehrfurcht zwischen diesen hoch aufstrebenden Mauern. Ich empfinde so recht, wie klein doch der Mensch im Vergleich zu einem solchen erhabenen Baudenkmal ist. In dem gedämpften Licht verlieren sich die Einzelheiten und man erkennt nur die reine, klare und wuchtige Architektur des romanischen Bauwerkes. Deshalb gefallen mir auch diese Kirchen, die so einfach gehalten und ohne viel Prunk und Schmuck sind, viel besser als die hellen, verschnörkelten und buntausge- malten Barock- und Rokokokirchen, die den Menschen ablenken und ihn gar nicht recht dazu kommen lassen, sich auf Gott und sich selbst zu besinnen. Nachdem wir die rundbogigen Fenster mit den alten Glasmalereien, die in den Seiten- schiffen eingebauten Bet- und Taufkapellen, die Kreuzgewölbe der Decke, die Vierung, die Bilder und Schnitzereien, die schlanken Säulen, das Chor mit dem einfachen und doch schönen Altar, kurz alles, was ein solch herrliches Bauwerk bietet, bewundert und in uns aufgenommen haben, steigen wir in die Krypta hinab. Sie enthält die berühmten Kaiser- gräber. Ein kühler, modriger Luftzug weht uns entgegen. Die riesigen etwa 6 Meter dicken Grundmauern und das Un- heimliche der düsteren Krypta erinnern an ein Burgverließ. Wir werden an z alten, ganz einfachen, schmucklosen Stein- Altären vorbei in eine Kapelle geführt. In der Mitte derselben steht ein achteckiger Taufstein. Er hat den Namen „Fließender Born', weil er früher mit einem Arm des Altrheins verbunden. und deshalb sein Wasser immer in Bewegung war. Die Kapelle hat noch einen kleinen Altar, der von weißen Kerzen beleuchtet wird. Sonst fehlt jeder Schmuck. Und doch ist sie unvergleichlich schön. Es liegt dies in der reinen Einfachheit des romanischen Stiles. Die Schönheit der Kapelle und Krypta wird noch dadurch gehoben, daß man die riesigen, verschieden roten Sandsteinquader, aus denen die Mauern errichtet sind, sehen kann. Dadurch wirken die glatten, ununterbrochenen Flächen der Wände nicht langweilig auf den Beschauer. Durch ein schweres, kupfernes Tor gelangen wir jetzt in die Gruft, wo die Kaisergräber liegen. Geheimes Gruseln packt mich, wenn ich denke, daß ich jetzt so nah den Gebeinen von Menschen bin, die vor ungefähr 800 Jahren als Kaiser in Deutschland eine mächtige Rolle gespielt haben. Und doch bin ich ein wenig enttäuscht. Ich hatte mir die Grabdenkmäler von Kaisern und Fürstinnen prunkvoller vorgestellt. Es ist alles so einfach. Ihre 13 Sarkophage stehen in der Mitte der Gruft in 2 Schichten dicht nebeneinander. Die Steinplatten tragen weder Namen noch Widmung. Ein Sarkophag sieht aus wie der andere. Der Tod hat die Menschen, die darin ruhen, alle gleichgemacht. Fürsten, die im Leben Todfeinde waren, ruhen jetzt friedlich nebeneinander. Auch Heinrich IV., der so lang an ungeweihter Stelle bei- gesetzt war, ruht jetzt hier von cinem Leben voller Kampf gegen Fürsten, Papst, Volk ja selbst gegen die beiden ver- räterischen Söhne aus. Unter anderen liegen noch in der Gruft: Konrad II., der den Bau des Domes begonnen hat, Heinrich III., Heinrich V., Rudolf von Habsburg und schließlich der habgierige Albrecht I. Der Besuch der Gruft im Speyerer Dom hat uns so recht eindringlich die Vergänglichkeit alles Irdischen vor Augen geführt. Karl Mai UIla.
f. Abend am Neckar.
Ich sitze in Eberbach am Neckar auf einer Bank. Welch ein schöner Abend! Im Westen steht die glühendrote Sonne über den Bergen. Ihr goldner Schein spiegelt sich flimmernd im Wasser wieder. Es sicht aus, als sei der Neckar von einem geheimnisvollen Feuer durchleuchtet. Ueber mir fliegen die Schwalben in freudigem Flug. Sie zwitschern so lustig. An den Ufern treiben die Mücken ihr fröhliches Spiel. Es scheint, als ob alle Lebewesen mit mir die Schönheit des Abends genießen wollten. Rhythmische Töne, wie entfernter Peitschenknall, klingen mir entgegen. Es sind die Wellen, die gegen
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