zierte Fenster fällt. Die Wandbilder stellen eindrucksvoll und lebenswahr die Geschichte der Stadt Marburg und ihrer Universität dar.
Der Karzer. Wände, Boden und Decke bemalt. Hier schmachteten und schmachten sie, die Unglücklichen oder Glücklichen für begangene Streiche. Ausbrüche der Malkunst eines jeden können wir von den Wänden ablesen. Wappen, Figuren, Geschehnisse, zum Teil recht kunstvoll. Kaum ist noch Platz für neue Sünder. Uebermorgen wird einer erwartet. Und die Holzpritsche steht braun in der Ecke für ihn bereit. 1
Das war die Universität. Stolz wandeln die akademischen Bürger in den Straßen. Ueberall sieht man sie, buntbemützt. Man könnte glauben, nur Studenten, Wichs, Mensur und Mädels gäbs in Marburg.
Wir haben viele Kirchen gesehen. In Marburg, Wetzlar, Dietkirchen, Arnstein. Der Limburger Dom ist gewiß eine der schönsten. Wundervoll bilden Spätromantik und Frühgotik eine Einheit. Aber nicht das ist es, was mir am Limburger Dom gefällt. Ich staune über die kunstvoll getroffene Raumverteilung. Schon der Untergrund der Felsen drängt empor. Hell und schwungvoll krönt der Dom die Felsenzinne. Das ist das rechte Gotteshaus; frei, ohne kleine Nebenbuhler wie in anderen Städten, regiert der Limburger Dom über der gewinkelten, alten Bischofsstadt.
Unsere Studienfahrt ist bald zu Ende. Unsere Fahrtengemeinschaft wird sich auflösen; hoffentlich nur über die Ferien. In Niederlahnstein essen wir zum letzten Mal gemeinsam. Einen schönen Landstrich— von Marburg bis zum Rhein— haben wir kennengelernt. Die letzte Nacht bricht an. Eine laue Sommernacht liegt über dem lichterspiegelnden Rhein, bald liegen manche von uns müde auf den Abteilbänken. Ein Zug knirscht in eine rauchgefüllte, grauschwarze, verschlafene Bahnhofshalle, es gibt einen Ruck, und eine schöne Studienfahrt hat ihr Ende. Erich
rich Schwarz OIIc.
i. Kameraden auf Studienfahrt.
Wie es auf einer Studienfahrt zugeht, wie sich die einzelnen Klassenkameraden zueinander verhalten, kann man nicht erzählen oder berichten, sondern nur erleben. Wir haben eins erlebt, das wir vorher noch nicht recht kannten: die Kameradschaft. Während in der Schule oft keine richtige Fühlung zwischen den einzelnen Schülern herrscht, ist das auf der Wanderfahrt etwas anderes. Man leiht einem anderen wohl zuweilen eine Ausarbeitung oder hilft mit Papier oder einer Feder aus, viel weiter kommt es nicht. Wie anders auf einer Fahrt, besonders auf einer Wanderfahrt, wie wir sie im Herbst des letzten Jahres erlebt haben.
Wir haben Freud und Leid miteinander geteilt. Die Freude war allerdings stark überwiegend. Wir haben zusammen Neues gesehen und erlebt, das uns näher zueinander brachte.
Wir haben uns aber auch gegenseitig ausgeholfen, wo es nötig war.
Scit unserer Abfahrt von Frankfurt fühlten wir uns als Familie. Schon im Zug lernten wir uns genauer kennen. Jeder Tornister wurde auf Verpackung und Gewicht hin geprüft. Es wurde erzählt, was jeder mitgenommen hatte. Der eine hatte von seiner fürsorglichen Mutter 3 Paar warme, wollene Unterhosen mitbekommen. Ein anderer hatte eine halbe Speisekammer in seinem Affen. Der dritte hatte Arzneimittel, auch Kukirol, Odol, Amol mitgebracht.
Dann wurde erzählt und erzählt von daheim und dem, was draußsen an uns vorüberzog. Wir kamen an den Rhein, der uns soviel zu sagen hatte, von den alten Römern, von Blücher und von den Feldgrauen, die ihn im Weltkrieg über- schritten hatten. Wir sahen Soldaten der britischen und französischen Besatzung, die wohl lieber in ihrer Heimat lebten, anstatt ein Volk, das durch den langen Krieg zermürbt wurde, zu bewachen. Weiter ging unsere Fahrt den Rhein hinunter; wir sahen Burgen, alte Städtchen und sagenumwobene Felsen und kamen am Abend zu unserem ersten Nachtlager. Wir waren alle voll Erwartung. Wohl hatten wir schon auf der Wegscheide zusammen gelebt; aber das war in Unter-Tertia und allen nur noch schwach in Erinnerung.
Um ein Feldbett zum Schlaf richtig und bequem einzurichten, sind immer zwei Mann nötig. Es ist gar nicht so ein- fach, ein Bettuch ordnungsgemäß über einen Strohsack zu decken. Erst langt es oben nicht, dann ist es unten zu kurz. Was machen? Ein Kamerad muß mithelfen. Im Nu ist dann ein Bett fertig. Jeder packte seinen Schlafanzug oder sein Nachthemd aus. Man sah dabei die neuesten Modelle von Carsch, Metzger und Tietz.
Und dann in die Klappe. Einige hatten noch nie in einem doppelten Feldbett geschlafen und wußtten nicht richtig, wie sie dort hinaufkommen sollten. Die Bettnachbarn helfen. Von unten geschoben, von oben gezogen, gelangt der Anfänger auf dem Gebiete der Schlafkunst in Doppelbetten hinauf.
Während daheim 2 Koltern, 1 Steppdecke und eine Federdecke einschließlich Federkissen zu den Schlafutensilien ge- hören, gibt es hier nur 2 Koltern und ein Strohkissen. Ein solches Strohkissen hat Eigenschaften, die den menschlichen Schlaf stören können. Es ist hart, wie ein Brett, eckig und kantig und sticht überall.
Diese Mißstände werden schnell beseitigt. Wozu hat man ein Handtuch oder ein Sporthemd, das nachts arbeitslos an der Wand hängt? Diese Dinge ergeben als Polster des Strohmonstrums ein ganz erträgliches Ruhekissen.
Es ist nicht einfach, sich mit 2 Koltern so zuzudecken, daß man nachts nicht friert. Wie oft hört man:„Komm Otto, wickel mich mal richtig ein.“ Der Otto kommt, wickelt den Freund nach allen Regeln der Kunst ein, um dann selbst warm eingepackt zu werden. Es dauert sehr lange, bis der letzte der Sippe einschläft.
Morgens als einziger zu wachen und alle 24 anderen schlafen zu sehen, ist einfach interessant. Welch ein Unterschied: Jetzt und in der Schule. Hier schläft einer ruhig und zufrieden, den man in der Klasse immer aufgeregt und zappelig sieht. Dort schläft der„Primus“ der Klasse neben seinen Konkurrenten. Alle friedlich!
Plötzlich bewegt sich einer. Nach einer Weile reckt und streckt er sich, setzt sich aufrecht und sieht mit erstaunten Blicken im Raume umher. Dort an der Wand stand doch am letzten Morgen noch ein Schreibtisch. Nach kurzer Zeit kommen seine Gedanken wieder zurück aus dem Elternhaus und ordnen den Schlafraum in die Reihe des Geschenen und Erlebten der Studienfahrt ein.
Bald wacht ein anderer auf. Nach einiger Zeit ist der größte Teil der Bande wach, denn einmal aufgewacht, muß man doch unbedingt anfangen zu erzählen. Allerdings möglichst leise, denn andere schlafen noch und fahren vielleicht im Traum noch einmal mit einem Motorboot von Aßmannshausen nach Bingen, oder sehen die mächtige Germania mit der Krone in der Hand vor sich.


