Jahrgang 
1929
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Parteien und Konfessionen und Weltanschauungen in Deutschland beisammen wohnen. Wer wie Sie ge- schichtlich denken gelernt hat, wird die Notwendigkeit von Gegensätzen für das lebendige Leben begrei- fen. Aber keinesfalls ist es lebensnotwendig, diese Gegensätze mit soviel Miſiverständnis. Unduldsamkeit. ja Haß auszutragen, wie das bei uns geschieht. Nein, nicht aus den geschichtlich bedingten Verhältnissen kommt dies Elend. sondern aus den Menschen, die aus aller Not eine Tugend machen könnten, leider aber so oft ein Laster daraus machen. Und so hängt es auch nicht irgendwie notwendig mit der Form unseres politischen Lebens zusammen, daß Versammlungen, Zeitungen, Parlamente so furchtbar vom Schlagwort, von der Phrase beherrscht werden. Es ist auch keine Zeitnotwendigkeit, daß der Kitsch die echte Kunst erstickt. Persönliches Geltungsbedürfnis die sachliche Wirkung zerstört. Reklame die Leistung. Schein wahres Sein. Der Zweckverband echte Gemeinschaft. Die sogenannten guten Beziehungen die wahrhaft menschlichen Verbindungen. Nein, an den Dingen, den Verhältnissen liegt es nicht; an uns allein liegt es. die wir so sehr den Willen zur Sachlichkeit verloren haben, obwohl keine Zeit soviel von Sachlichkeit ge- redet hat wie die unsere. Es kommt daher, weil der Einzelne und die Gruppen ihr Dasein nicht mehr auf

den Felsengrund der Wahrheit bauen. Weil der wissenschaftliche Geist im höchsten, im sittlichen Sinne uns nicht mehr erfüllt..

Die höhere Schule trägt vor dem Volke die ernste Verantwortung, diesen Geist zu hüten, ihn über diese Zeiten des Uebergangs hinwegzuretten, Das humanistische Gymnasium hat allen Bestrebungen, die auch auf der höheren Schule den wissenschaftlichen Geist auflösen wollen, bisher unter den Schwester- anstalten am stärksten widerstanden. Es konnte das, weil es aus alter Ueberlieferung her in den Mittel- punkt seiner Bildung auch heute noch die Arbeit an den Quellenschriften der europäischen Kultur gestellt hat, und es wird sich durch kein Geschrei eingebildeter Modernität an seiner Aufgabe irre machen lassen. Und so geht sein Abschiedswunsch an Sie dahin, daß Sie diesen wissenchaftlichen Geist mit ins Leben nehmen mögen. Und zwar Sie alle, nicht nur die, die ein wissenschaftliches Studium ergreifen, sondern ebensosehr. fast möchte ich sagen mehr noch die, die ins praktische Leben eintreten. Denn dieser wissenschaft- liche Geist ist ja nicht eine Sache, die nur den Wissenschaftler angeht, sondern er bedeutet, wie ich kur⸗ zu zeigen suchte, einen allgemeinen menschlichen Wert. Und so ist er auch nicht eine Privatangelegenheit des Verstandes, sondern, wie er diesen klärt und geschmeidigt, so verfeinert und reinigt er das Gefühl. so gründet und stählt er den Willen, so ergreift er den ganzen Menschen.

Ja, wenn wir diesen Geist recht verstehen, so reicht er mit seinen letzten Wurzeln hinein in jene tiefsten Gründe der Menschenseele, wo das Religiöse beheimatet ist. Wir gehören einer Schule an, die deutsche Menschen verschiedener Religionen und Konfessionen, verschiedener Weltanschauungen in sich schließt. Wir dürfen in dieser Hinsicht unsere Schulgemeinschaft als kleines Abbild der groften deutschen Volksgemeinschaft empfinden, und wir erleben in dieser Tatsache täglich gegenseitige Bereicherung und Befruchtung zu wahrhaft menschlichem Verstehen. Jeder von uns spricht in den letzten Auffassungen, im Religiösen, seine eigene Sprache; aber wir beugen uns in Ehrfurcht vor jedem echten Wort religiösen Geistes. Denn wir fühlen, daß aus den verschiedenen Ausdrücken ein letztes Gemeinsames, eben das Reli- giösc. spricht. Wenn wir es ganz kurz bezeichnen sollen, so ist es der Ewigkeitsgedanke. Und ist das, wenn wir der Sache auf den Grund gehen, nicht die tiefste Quelle, aus der auch der echt wissenschaftliche Geist gespeist wird? Denn was bedeutet er, so tief gesehen, anders als Abkehr von Glanz und Lust des Augenllicks, von Wandel und Trug des Tages, vom Schein persönlicher Irrungen und Wirrungen und Hinkehr zum Dauernden, Bleibenden, zum Gültigen und Seienden? Was ist er anders als der Wille zum Lwigen, oder um mit Platon zu sprechen, die Sehnsucht, der Eros, der durchs bunte Menschengetriebe schweifend sich doch nur erfüllen kann, wenn er zuletzt sich zur Idee des Göttlichen erhebt. Möge jeder von uns diese Idee sich verdeutlichen in den Gestalten und Sätzen seines Bekenntnisses. Darüber ist hier nicht zu sprechen. Aber wie es kein ernstes und tiefes Menschentum gibt ohne die Kraft und das Geheim- nis der Religion, so ist auch keine Erziehung möglich, die nicht im tiefsten aus religiösem Quell flieft. Und darum durfte ich, mufte ich in dieser Stunde und an dieser Stelle, da ich vom wissenschaftlichen Geist sprach, auch an diesen tiefen Schacht pochen.

Wenn wir in wichtigen Augenblicken des Lebens dem Mitmenschen ein nachdrückliches und dauerndes Wort zurufen möchten, so flüchten wir uns gern, da wir am unzulänglichen Gestammel der eigenen Sprache verzweifeln, in die gültigen Prägungen der Groften und Größten. Und so lassen Sie mich, meine lieben Abiturienten, den tiefsten, den religiösen Sinn wissenschaftlichen Geistes Ihnen in der Formung als letztes Wort Ihrer Schule mit ins Leben geben, die Goethe in so ahnungsvoller Weite gab, daft jeder aus diesem Satze den Klang seiner religiösen Sprache heraushören mag:

Nichts vom Vergänglichen, wie's auch geschah. Uns zu verewigen sind wir ja da.

27. 5. Schluß des Schuljahres mit einer Schulgemeinde. Der Direktor lenkte den Blick zurüd auf das verflossene Jahr und wies darauf hin, daß am Anfang und Ende unserer Arbeit in Hindenburg und Lessing zwei Persönlichkeiten gestanden hätten, die, bei aller Verschieden- heit. doch darin eins seien, daß wir in ihnen Verkörperungen dessen verehren dürften, was wir als das Vorbild deutscher Mannesart erstreben möchten, und was wir in die Worte Wahr- haftigkeit und Dienst an der Sache und dem Volke zusammenfassen könnten.

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