Jahrgang 
1929
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mathematischen Grundwissenschaft von unten auf sich selbst aneignen müsse. Sie wuftte auch, daß jeder, der den Menschen und das Leben der Gegenwart verstehen will, um die Verantwortung der Führung

tragen zu können, dies nicht lernt, wenn man mit ihm über dies Leben anziechend plaudert, sondern nur

dadurch, daß er irgend ein Stück menschlichen, geschichtlichen Seins, und sei es auch nur ein kleines, aus der Quelie heraus seinem Verstehen erobert. Und wenn die Schule manchen Seufzer des Tertianers ver- nahm, so tröstete sie sich in der stillen Hoffnung, daft der Primaner einmal die Mühen segnen werde, die diesen Seufzer entlockten. Wir haben es dann doch auch auf der Prima unmittelbar erlebt, daft es einfach nicht wahr ist, wenn man uns sagt, wir könnten die Werke eines anderen Volkes ebensogut in der Uebersetzung erfassen. Die griechischen Tragödien lehrten uns überzeugend, daß Uebersetzung immer Verfälschung ist. Oder hätten wir von der silbernen Anmut des platonischen Gastmahls etwas geahnt, wenn diese Gedanken und Gestalten nicht in ihrer Sprache zu uns gesprochen hätten?

Ja, wir werden uns immer einer Sache ganz und rein nur dann bemächtigen können, wenn wir uns mit ganzer Kraft dieser Sache selbst hingeben, das heißt, wenn wir uns in wissenschaftlichem Geiste ihr nahen. 3 Doch, so könnte man sagen: wer heiftt uns denn uns einer Sache bemächtigen? Was soll uns die Sache? Uns geht es um Wertvolleres, uns geht es um die Person. Den Menschen, den Einzelnen wie die Gemeinschaft. Gerade darum haben wir doch ein humanistisches Gymnasium besucht, weil wir Bildung zum Menschen suchten. Niemand von uns wollte Bildung zur Sache.

Dieser Einwurf führt uns an den entscheidenden Punkt unserer Ueberlegung. Vor die Frage nach der Bedeutung des wissenschaftlichen Geistes für die Menschenbildung. Einen wichtigen Punkt hat Ihr Sprecher schon berührt: die Schulung des Geistes zu der Kraft, das Wesentliche einer Sache scharf zu er- fassen und es klar und bestimmt wieder zu geben. Von überall her aus dem Leben tönen uns heute die klagen entgegen, daf die jungen Menschen das nicht mehr verstünden. Und doch ist dies eine Forderung, die das Leben überall an Sie stellen wird, ob Sie als Juristen einen Fall darlegen, als Kaufleute eine schwierige Lage durch geeignete Maßnahmen meistern, in kleiner oder großier Versammlung Ihre Mei- nung sagen und durchsetzen, als Mediziner eine Diagnose stellen, wo auch immer an führender Stelle eine sachgemäße Entscheidung treffen sollen. Klarheit des Unterscheidungsvermögens, Schärfe des geistigen Blicks, Folgerichtigkeit in den Schlüssen, unbeirrte Urteilsfähigkeit wird von jedem Menschen, der irgend- wo Führer sein will verlangt nicht etwa nur vom Wissenschaftler, sondern gerade auch vom Menschen

mehr geführt würde von einer Schicht wissenschaftlich geschulter Köpfe.

Ich möchte aber die Besinnung über den menschlichen Wert wissenschaftlicher Bildung durch diese klaren Feststellungen hindurch in eine größtere Tiefe führen. Wir erkannten als das Wesen wissenschaft- lichen Geistes Sachlichkeit mit dem Ziel der Wahrheit. Was aber ist der Grund allen wertvollen Menschen- tums, was der Kern der sittlichen Persönlichkeit sowie aller menschlichen Gemeinschaft, wenn nicht der Wille zur Wahrheit, die Wahrhaftigkeit? Das zu erweisen braucht es keines Wortes. Wer hier Begründung verlangt, zeigt damit nur, daßt er auch den kleinsten ersten Schritt noch nicht getan hat auf dem Wege zur sittlichen Persönlichkeit und Gemeinschaft. Wie aber kann Erziehung auf diesen Weg führen? Vielleicht durch schöne Ermahnungen oder erbauliche Reden? Nichts ist wirkungsloser in der Erziehung der Jugend als dies. Es gibt nur einen Weg: Wenn wir den jungen Menschen immer und immer wieder vor Aufgaben stellen, die nur zu lösen sind, sofern man alles eigenwillig Persönliche vergiſit und in reiner Hingabe an die Sache nur der Wahrheit dient. Aus solch täglichem Dienst rechtschaffnen Denkens, wie Hegel so schön

Mit dieser Erkenntnis stehen wir vor dem tiefen Lebensgeheimnis, in dem die scheinbaren Gegensätze von Person und Sache, von Subjekt und Objekt sich aufheben. Nämlich der Tatsache, daß man sittliche Persönlichkeit gerade dadurch und eben nur dadurch wird, daſt man unter Verzicht auf alles Persönliche sich einer Sache hingibt. Im neuen Testament steht der tiefsinnige Satz, daß seine Seele nur gewinnt, wer sie zuvor verliert. Die Geistesgeschichte hat uns auf Schritt und Tritt die Wahrheit dieses Satzes gezeigt. Nicht die Romantiker mit ihrem Gerede von der Persönlichkeit und ihrem Gieren nach Persönlichkeit, ja ihrem Persönlichkeitskult haben das gewonnen, was der als das größtte Glück der Erden- kinder hinstellte, der selbst wie alle Groften, sich gewann, indem er sich hingab, Persönlichkeit wurde,

Es ist wohl nicht nötig nach diesen Erwägungen noch die lebendige Bedeutung des wissenschaft- lichen Geistes der Sachlichkeit und Wahrheit für das Gemeinschaftsleben zu erweisen. Gerade auch für