Jahrgang 
1929
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mischen Lehrers bei unseren Eltern und Schülern schwerer wiegen wird als alles Gerede oder Geschrei von Nichtsachverständigen. Der Direktor sprach, an die beiden Ansprachen an- knüpfend, über den wissenschaftlichen Geist der höheren Schule. Nach einleitenden Sätzen an die Eltern wandte er sich an die Abiturienten: 3

Für Sie, meine lieben Abiturienten, hat diese Stunde ein doppeltes Gesicht. Sie schaut zurück und vorwärts; in ihrem Leben bedeutet sie einen Wendepunkt. Ihr Sprecher, dem wir Lehrer für seine freund- lichen Worte herzlich danken, hat uns das soeben begründet. Wenn ich nun, in so entscheidender Stunde, im Namen all ihrer Lehrer, Ihnen ein Abschiedswort sagen darf, das der Doppelbedeutung dieser Stunde und damit den geteilten Gefühlen in Ihrer Brust gerecht werden soll, so muß dies Wort Vergangenheit und Zukunft zugleich enthalten. Es muß, im Rückblick, zugleich vorwärtsweisen. Es muß aus unserer, nun abgeschlossenen Arbeit auf einen Wert sich besinnen, den Sie nicht als abgetan zurücklassen, sondern der Sie bei Ihrem Weitersteigen begleiten kann, ja begleiten muft, wenn anders der Sinn unserer bisherigen Arbeit nicht leerer und toter Betrieb war, sondern lebendiger Gegenwart und dauernder Zukunft gehörte.

Die Stätte, an der Sie fast ein Jahrzehnt Ihres Lebens zugebracht haben, bezeichnet man als eine höhere Schule. Worin besteht das Wesentliche dieser Einrichtung, das Eigentliche dieses Begriffs? Daß die höhere Schule Menschen bilden, Charaktere formen will, daßt sie ihre Schüler Wege weisen soll zum Begreifen der Welt, der Natur wie des Menschen, daß sie ihnen religiöse, künstlerische, nationale Werte vermittelt, daß sie versucht, ihren Körper zu geschmeidigen und zu kräftigen, ihren Willen zu stärken, ihren Verstand zu klären, ihr Gefühl zu verfeinern diese Aufgaben teilt sie mit allen Bildungsstätten. Dasselbe zu leisten bemühen sich Volks- und Mittel-, Berufs- und Fachschulen. Die höhere Schule setzt im Unterschied zu den Genannten und in Uebereinstimmung einzig mit den Hochschulen nur mit der Abweichung, daß diese vollenden, was sie immerhin nur anlegt die höhere Schule setzt als stärkste Kraft in die Bildungsarbeit die Wissenschaft ein. Der wissenschaftliche Geist ist es, der das Wesen der höheren Schule betimmt. Von ihm möchte ich zu Ihnen an diesem Wendepunkte Ihres Lebens, rückwärts- blickend und vorwärtsschauend, sprechen, als von dem Geist, der Ihre bisherige Arbeit erfüllen sollte und der Sie zugleich aus der Schule ins Leben begleiten möchte.

Aber Wissenschaft und Leben sind das nicht Dinge, die nichts miteinander zu tun haben, ja die sich ausschlielien? Unsere Zeit ist doch erfüllt vom Kampfgeschrei gegen die Ueberschätzung des Geistes, die Einseitigkeit des Verstandes, die unfruchtbare Dürre des Intellektualismus. Ist uns nicht glaubhaft ver- kündigt, daß die Wissenschaft das Gefühl mifiachte, den Willen lähme, das Leben töte? llaben wir uns doch selbst bei der Lesung des Faust mit Schrecken abgewandt von der Gestalt Wagners, der Verkörperung des Gelehrten, dieser verstaubten Mumie, diesem verkümmertem Bruchstück nur von einem Menschen. Und andererseits, wie fühlten wir uns aufs tiefste berührt von dem Streben Faustens selber, der aller Wissenschaft Lebewohl sagt, um das Leben mit glühenden Armen an seine Brust zu ziehen, das Leben in all seiner Fülle und Buntheit. Ganz gewiß. Aber haben wir nicht auch umgekehrt die ganze Wahrheit jenes Teufelswortes empfunden, mit dem Mephisto seinen, verfrühten, Triumph über den Menschen ver- kündet: Verachte nur Vernunft und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Kraft, laß nur in Blend- und Zauberwerken dich von dem Lügengeist bestärken so hab ich dich schon unbedingt. Wir sehen, diese Frage nach Wissenschaft und Leben muf, wie alle ernsten Fragen, von zwei Seiten betrachtet wer- den. Die Wissenschaft kann eine Gefahr sein. Dann nämlich, wenn sie allein gelten will, wenn sie ihre Grenzen nicht achtet, wenn sie die anderen Lebensgebiete vergewaltigt. Die Aufklärung die griechische des fünften Jahrhunderts sogut wie die westeuropäische des 18. war uns warnendes Beispiel dafür.

Aber mit diesen Feststellungen ist die wahre Wissenschaft nicht getroffen, die Wissenschaft, die ihre Grenzen kennt, die aber innerhalb dieser Grenzen sich ihrer ganzen Kraft bewuftt ist; die Wissen- schaft, die nicht das Leben tötet, sondern es formt und vertieft; die nicht den Menschen austrocknet, son- dern als des Menschen allerhöchste Kraft edelstes Menschentum entbindet, die wahrhaft humanistische Wissenschaft darum auch, die wir mit ihrer ganzen Macht in die Jugendbildung einsetzen.

Worin liegt diese humanistische, diese menschenbildende Kraft? Sie kann nur in dem liegen, was den Wesenskern der Wissenschaft bedeutet.

Das eigentümliche Kennzeichen aller echt wissenschaftlichen Einstellung ist die strenge Sach- lichkeit. Einen Gegenstand wissenschaftlich betrachten, eine Frage wissenschaftlich lösen, eine Unter- suchung wissenschaftlich aufbauen heißt: sich frei machen von jeder Eigenwilligkeit, sich lösen von allen persönlichen Beweggründen, allen Neigungen und Abneigungen, heiſit von sich weisen alle Rücksichten auf Wirkung und Erfolg, Anklang oder Ablehnung, Beifall oder Tadel. Wissenschaftlich ein Sache anfassen bedeutet ganz abgesehen von dem kleinen oder groften Ich und ganz sich hingeben der Sache, dies eine Ziel vor Kugen: die Wahrheit. Nichts fällt dem Menschen schwerer, nichts aber auch ist für den Menschen notwendiger. Nichts fällt ihm schwerer, denn hier wird von ihm der größte Verzicht gefordert: der Ver- zicht auf sich selbst. Es ist die stärkste Zumutung an den mächtigsten Trieb im Menschen: die Selbstliebe. Und ist auch Ihnen nicht die Strenge dieser Forderung in mühsamen Schuljahren schmerzlich bewuſtt ge- worden? Sie haben es doch gewif nicht vergessen, wie oft Sie Sich als Tertianer dagegen auflehnten, wenn Sie Stunde um Stunde mit mathematischen Ableitungen geplagt wurden. Wie brennend wünschten Sie damals, man möchte Sie doch gleich in die Wunderwelt der Technik führen. Oder wie endlos erschienen Ihnen doch damals die Grammatikstunden. Warum quälte man Sie mit den schwierigen Sätzen Cäsars? Wäre es nicht viel lustiger gewesen, man hätte Ihnen bunte Bilder aus dem Leben der alten Völker ge-

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