bogen stellt sie sich als eine echte Vertreterin der Gotik dar. Der Gesamtbau wirkt wuchtig, aber nicht plump. Das Hauptportal ist mit einer Marienfigur im Giebelfeld verziert. Im Innern der Kirche streben links und rechts schlanke Säulen empor. Wir hören vom Führer, daft die Kirche 65 m lang und 10 m hoch ist. Das Licht fällt durch die schmalen hohen Fenster, die fast an die stark gewölbte Decke stoften, reich- lich in das Schiff. An Stelle des heute weiſten Glases waren früher buntfarbene Butzenscheiben, die sicher eine feierliche, dämmerige Beleuchtung hervorgebracht haben. Leider wurden sie durch die Franzosen zer- stört. Wie schön jedoch die farbigen Fenster gewirkt haben müssen, zeigt uns im Hintergrund das bunte Schimmern des Chors; hier sind nämlich die alten Glasfenster wieder hergestellt. Das Chor wird vom Schiff durch den sogenannten Lettner getrennt; es zerfällt in zwei Teile, in das Elisabethenchor und das Landgrafenchor. Im Plisabethenchor finden wir 3 Altäre und vor allem das Mausoleum der heiligen Elisabeth, der Schutzpatronin der Kirche. In der Sakristei, die sich daran anschlieftt, ruht hinter einem Gitter und unter Glasverschluß ihr äufterst kostbarer Sarg. Mit seinen fast 700 Edelsteinen, sowie den Cold- und Silberfiguren, stellt er einen künstlerischen Wert von mehreren Millionen Mark dar. Die Reliquien der heiligen Elisabeth sind nicht mehr darin, sie sind überhaupt infolge verschiedener Ueber- führungen nicht mehr zu finden. Im Landgrafenchor sind 22 Angehörige des hessischen Fürstenhauses aus dem 13.—16. Jahrhundert begraben.
Als wir die Kirche verlassen, regnet es leider ziemlich stark, aber trotzdem wird der Weg zur Uni- versität fortgesetzt. Hat man schon vorher auf den Straften überall Studenten mit bunten Mützen gesehen, so wächst nun, je mehr wir uns der Universität nähern, das studentische Treiben immer stärker an. Die ganze Stadt ist auf die Universität eingestellt, ja, man darf sagen, von ihr abhängig. Die Philip- pina ist ein massiver, echt gotischer Bau. Sie wurde im Jahre 1527 durch Philipp den Großmütigen ge- gründet und zwar an Stelle eines alten Dominikanerklosters, das damals von den Mönchen geräumt werden mußte. Besonders erwähnenswert ist die Aula mit ihren charaktervollen Gemälden von Peter Hanssen. 1
Mittlerweile ist der Mittag herangekommen, und um uns von dem Rundgang durch Marburg wieder etwas zu erholen, kehren wir in die Stadtsäle ein. Nach ein bis zwei Stunden geht es dann zum Schloß aufwärts. Prachtvoll liegen hier auf der Anhöhe die Häuser studentischer Verbindungen. An einzelnen Stellen des Weges genießt man auch einen wundervollen Ausblick weit über Marburg hinaus in das Lahntal. Das Schloß blickt noch heute stolz und trutzig, nach beinahe 650 Jahren, ins Land. Heinrich J. von Hessen hat mit dem Bau 1288 begonnen. Aus seiner wechselvollen Geschichte sind besonders das Mar- burger Religionsgespräch, die Verwendung des Schlosses 1815 als Lazarett und später als Gefängnis erwähnenswert.
Abschließend wäre über unsere Marburg-Fahrt zu sagen, daß wir Schüler viel davon gehabt haben, ganz besonders für den Deutsch-Unterricht; da wir uns ja in Obersekunda mit dem Mittelalter beschäf- tigen, war die Marburg-Fahrt von großem und hoffentlich auch bleibendem Nutzen.
(H. Wibbing., Olla.) 2. Die Festspiele.
Kurz vor 5 Uhr betreten wir den Zuschauerraum. Keine Prächtig verzierte, mit Gemälden ge- schmückte Decke wölbt sich über uns. Der weite Tlimmelsbogen ist ausgespannt. Umrahmt ist das Ganze von einer grünen Hecke und vom Waldesgrün. Ueberall herrscht das Natürliche, das von der Natur Gegebene. Das Eigenartige des Theaters ist die Bühne. Wir haben hier keine Opern- oder Schauspielhaus- bühne vor uns. sondern gleichsam den Spitzbogen eines riesigen gotischen Fensters auf ebener Erde stehend oder das Eingangsportal einer gotischen Kathedrale, flankiert von 2 kleineren abgestumpften Portalen, so daß der Zuschauer 5 Bühnen erblickt: Das große Hauptportal— entsprechend der Haupt- handlung des Spieles, die beiden Seitenbogen— entsprechend den Nebenhandlungen. Davor breitet sich ein grofier halbkreisförmiger Platz zu ebener Erde für die Darstellung von allgemeineren Handlungen und Szenen aus. Diese gehören nicht so sehr zum Thema St. Elisabeth, geben aber dem Zuschauer einen Einblick in das Leben und Treiben am mittelalterlichen Fürstenhofe und im Volke. Die Bogenöffnungen zwischen den Portalpfeilern sind anfänglich durch Vorhänge geschlossen. Oeffnen sich diese, so bietet sich uns ein überraschender Anblick. Wir sehen keine Theaterkulissen. Die Natur hat den besten Hintergrund geliefert. Im rechten Bühnenbogen sehen wir das landgräfliche Schloß: im linken und im Mittelbogen die hessischen Lahnberge sowie Teile des Schloßbergwaldes. Die Anlage gewährt daher der szenischen Gestal- tung mannigfache neuartige Möglichkeiten.
Das Spiel beginnt. Zu beiden Seiten der Bühne hereinziehende Kinder und Frauen verbreiten die kunde: Elisabeth. Landgraf Ludwigs zukünftige Gemahlin, hält auf der Wartburg ihren Einzug. Alle sind voller Festesfreude. Nur zwei vom landgräflichen Hofe schließten sich hiervon aus: Heinrich Raspe und der Höfling. Es sind Elisabeths schlimmste Gegner. Ein Beispiel des rohen Zeitgeistes bietet die fol- sende Szene. Bauern werden von Rittern und Knechten gehetzt und ihrer Habe beraubt. Das Vorspiel zeigte die Umwelt Elisabeths.
Der 1. Akt führt uns in ihren Bereich, in die Wartburg. Zu Ehren des Deutschordensmeisters Her- mann von Salza wird ein Festmahl gegeben. Elisabeths Platz allein ist leer. Sie weilt bei ihren liebsten Gästen, den Armen und Kranken. In ihrer Nächstenliebe geht sie sogar so weit, daß sie einen Aussätzigen in ihr eigenes Bett legt. Der Landgraf hört es. Mit gezücktem Schwert stürzt Ludwig gegen das Mittelteil der Bühne. Zum erstenmal öffnet sich der Vorhang. Als der Erzürnte aber Elisabeth am Bette knieend findet und ihre Stimme hört, da entsinkt ihm das Schwert. Es folgt eine Szene zwischen Raspe, Höfling und Konrad von Marburg. Diese führt uns in das 1. Zwischenspiel ein.
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