Jahrgang 
1928
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muft. Denn deswegen allein befindet sich unsre Kultur in Verwirrung und Auflösung, weil sie nicht nur Schaden litt an ihrer Seele, sondern weil sie ihre Seele völlig verloren zu haben scheint.

Wenn nur noch Geldverdienen und Karrieremachen als Inhalt des Lebens erscheinen, wenn schon junge Menschen in der Planung ihres Lebens, in der Auswahl ihrer Freunde, in der Wahl ihres Berufes, im Anschluß an Richtungen und Parteien nur sich von der Berech- nung bestimmen lassen, wenn weiter hunderttausende fiebern um den Ausgang eines Box- kampfes, wenn die Massen unseres Volkes einschlieftlich der sogenannten Gebildeten in ihrer Freizeit die Fufiballplätze füllen(als Zuschauer!) und die Kinos, während die Theater und die Vortragssäle sich leeren und weder der Dichter, noch der Musiker, noch der bildende Künstler, noch der Gelehrte, noch der Prediger mit dem, was er zu sagen hat, mehr in wei- tere Kreise dringt, es sei denn, daft er es durch Reklame und Sensation aufbläht dann ist die Rangordnung der Werte aufs gefährlichste gestört. Dann beginnt der Mensch die eigne Würde zu untergraben, dann sinkt er in die Tiefen zurüdk, aus denen er sich in jahrtausende- langer zäher und heldenhafter Arbeit emporgeschafft hat. Dann kehrt er zurüd in das Reich. aus dem er kam, dem er aber nun nicht mehr organisch angehört, und in dem er also nur wie ein Zerrbild dastehen kann: die Natur. Dann wird er wieder Teil des Stofflichen, das über- wunden zu haben, die groſte Leistung seiner Geschichte bedeutet. Dann ist der Inhalt seines Daseins heute im 20. Jahrhundert nichts anderes als das, was Inhalt des Lebens der Steinzeitmenschen war: nämlich sein Dasein zu fristen, möglichst bequem und angenehm, möglichst reich und sicher. Ob er sich dabei der Zentralheizung bedient und des Flugzeugs oder des Feuersteins und eines ausgehöhlten Baumstammes, bedeutet keinen Wesens- unterschied.

Am Beispiel der griechischen Tragödie hat Ihr Sprecher gezeigt, worin die Wesensauf- gabe aller Kulturarbeit beruht. Als der Mensch den Geist in sich entdeckte und erlebte, daß dieser es sei, der ihn allein vor aller Natur auszeichne, da fand er nicht nur sein eigenes Wesen, sondern zugleich den Sinn seines Lebens und die Aufgabe seines Daseins. Und die ganze Geschichteder Menschheit bedeutet im Wesentlichen nichts anderes als das Bemühen, diesen Geist zur Herrschaft zu bringen, die Welt unter das Gesetz des Geistes zu stellen; unser Leben, unser Dasein, uns selbst zu vergeistigen.

Nicht um den Stoff, den Körper, das Sinnliche zu unterdrücken, sondern um ihm den höheren Sinn zu geben. Denn Kultur ist nicht Aufhebung der Natur. Kultur ist Durchgeisti- gung der Natur. So hat 2z. B. der Mensch. als er den natürlichen, den tierischen Geschlechts- trieb unter das Gesetz des Geistes zu stellen sich anschickte, Ehe und Familie geschaffen, jenes Gebilde, mit dessen Sein oder Nichtsein alle Kultur steht oder fällt. So hat er aus dem Trieb der Nachahmung, den auch der Affe kennt, durch Vergeistigung die Kunst, aus dem rein tierischen der Neugier ebenso die Wissenschaft entwickelt. Ueberall und immer ist es das- selbe: Vergeistigung des Stoffes.

Daß es darauf zuletzt ankomme, das haben die Griechen tiefsinnig gefühlt, da sie dem Logos jenen vielfältigen und vieldeutigen Sinn gaben, dem L.ogos, der Wort und Gedanke und Geist, der göttlich und menschlich, der Christlich gewendet Cottes Geist und des Men- schen Sohn in einem ist. Der Logos, das ist die göttliche Kraft im Menschen, die sein eigent- liches Wesen ausmacht, und die zugleich seine Aufgabe als Mensch bedeutet; die nichts an- deres ist als: immer mehr den Logos, den Geist, den menschlichen und göttlichen zugleich denn im Logos, im Geist sind wir Gottes zu unserm Herrn und zum Herrn des Lebens zu machen.

Die Griechen. das Volk des tiefsinnigen Logosgedankens, waren zugleich das Volk, das den Gedanken der Bildung, der freien, nur sich selbst suchenden Bildung, zuerst erfaſtt haben, und die darum auch die Schöpfer der gesamten europäischen Kultur, der Kultur der Humani- tät, der Kultur des reinen Menschseins geworden sind. Diese Griechen haben in zwei Impe- rativen. die Ihnen bekannt sind. uns die höhere Aufgabe unseres Daseins gestellt. Der erste heiftt: gnothi seauton! Erkenne dich selbst! D. h. erkenne, daß du ein Geistwesen bist, daß du mehr bist als Tier, daß Göttliches in dir wohnt. Der andere lautet: genoio hoigs essil Werde, der du bist! Fördere immer mehr das, was du im Grunde bist, was deines Wesens Wesen bedeutet, heraus. Werde immer mehr geistbeherrschtes Wesen. Verwirkliche immer mehr an dir das Göttliche, das in dir wohnt, und das dein eigentliches Wesen bedeutet. Denn nur so wirst du, was du sein sollst, nur so erfüllst du das Gesetz deines Wesens, nur so zu- gleich lösest du deine Aufgabe in der menschlichen Gemeinschaft, nur so dienst du der Kultur.

Bewußt oder unbewuſtt haben diese und ähnliche Gedanken über der gesamten Arbeit gerade Ihrer Schule gestanden. Mehr als jede andere Schule richtet das Gymnasium den Blick seiner Schüler auf diese zentrale Frage unseres Lebens, unserer Kultur: den Geist. Steht doch der L.ogos, die Sprache, d. h. der sichtbar, hörbar. faßbar gewordene Geist, im gro-

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