Jahrgang 
1928
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ABSCHIEDSWORTE des Direktors bei der Entlassung der Abiturienten.

Während in dieser feierlichen Stunde der Entlassung Ihre Stimmung, meine lieben Abitu- rienten, gewif, von schwachen Untertönen abgesehen, ganz in Dur klingt, ist unsre, Ihrer Lehrer in deren Namen ich heute zum letzten Mal zu Ihnen spreche Feierstimmung von Ernst, ja von Besorgnis erfüllt. Der Grund dafür liegt nicht bei Ihnen. Denn wenn auch manche von Ihnen uns Sorge gemacht haben während ihres Schullebens durch Lücken in den Kenntnissen, durch Schwächen in den Leistungen, ja auch durch Mängel im Charakter, so haben wir Sie doch alle guten Gewissens für reif erklären können; denn Sie haben uns durch ernste Arbeit und durch verantwortungsbewuftes Einfügen in die kleine Welt unsrer Schul- gemeinschaft gezeigt, daß Sie das sind, weswegen allein man junge Menschenreif sprechen kann: Strebende! Niemand kann dem anderen ins Herz schauen, und daß wir uns immer wieder in unserem Urteil irren, bedeutet die schwerste Belastung jenes Glaubens, ohne den wir als Erzieher nicht bestehen könnten. Aber wir vertrauen doch, nach jahrelanger Be- obachtung, daß es ein guter Geist ist, in dem Sie diese Räume verlassen.

Und trotzdem bei uns Lehrern Ernst und Sorge?

Ja, denn das Gute, das von Ihnen zu sagen ist, besteht doch vorläufig nur als Hoffnung auf unsrer, als Versprechen auf Ihrer Seite.

Nun beginnt für Sie der große Abschnitt des Lebens, über dem das Wort Erfül- lung steht.

Und hier erhebt sich unsre ernste Sorge.

Denn noch nie ist es jungen Menschen wohl so schwer gemacht worden wie jetzt, die Versprechungen ihres jugendlichen Idealismus durch die Tat einzulösen.

Wo liegen die Hemmungen?

Im Leben selbst, in das Sie jetzt den ersten Schritt tun.

In den Zuständen, in denen sich unser Volk und unser Vaterland befindet.

In der ganzen Zeit und Ihrer Lage.

In der ganzen ich knüpfe an die Rede Ihres Sprechers an gegenwärtigen Kultur.

Daß diese unsre Kultur ernstblickenden Menschen Sorge machen kann, brauche ich nicht im Einzelnen auszuführen und zu belegen. Schon vor Jahrzehnten haben unbeirrbare und vorausschauende Geister auf die zunehmende Verwirrung und Auflösung des deutschen, ja des europäischen Geistes hingewiesen. Nietzsche war wohl der erste von ihnen. In diesem prophetischen Weitblick liegt seine eigentliche Gröfte. Daß jedoch all seine Warnungen ungehört verhallten, darin liegt seine eigentliche Tragik, an der er zerbrach. Seine Stimme aber ward nicht gehört, weil man ihn nicht hören wollte. Bezeichnend für die Zeit ist das Wort des letzten Kaisers:Ich dulde keine Schwarzseher in meinem Reiche. Wir waren da- mals erfüllt vom Stolz daraufwie herrlich weit wir es gebracht hatten. Herrlich weit in der Erforschung der Natur und ihrer Gesetze. Herrlich weit in der Verbesserung und Vervoll- kommnung der äufteren Lebensbedingungen.

Herrlich weit in den Einzelwissenschaften und ihrer Anwendung.

Herrlich weit also vor allem in der Technik und der technischen Bezwingung der Welt.

Denken Sie nicht, daß ich diesen Leistungen des Menschen etwas von ihrer Gröfte und Würde nehmen will. Aber in ihren gebührenden Rang will ich sie weisen.

Schon vor fast 2000 Jahren ist das Wort gesprochen:Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewänne, aber Schaden litte an seiner Seele?

Und dies Wort Christi in seiner todernsten Mahnung drückt das aus, was der Fluch unserer Zeit wurde, die Gefahr unsrer Kultur; was zugleich die Bedrohung der Persönlich- keit bedeutet, und was also über Ihren Weg in die Zukunft als stärkste Mahnung stehen

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