fien Mittelpunkt seiner Arbeit. Und wenn wir uns an die Schöpfungen der grofien griechischen und römischen und französischen und englischen und vor allem und am innigsten der deut- schen Geister in mühsamer und zäher Arbeit hingaben, so geschah es nicht, um Grammatik und Vokabeln zu lernen, oder auch um dies oder jenes Wissenswerte aus dem Leben dieser Geister oder ihrer Völker zu erfahren, sondern wir taten es, weil wir so in ständigem und allerniichsten Verkehr standen mit dem Logos, dem Ceist, da, wo er sich am reinsten und klarsten, am gewaltigsten und bezwingendsten äuftert. Gewifl, der Geist weht, wo er will; aber in den grofien Werken der grolſien Geister, da braust er am stärksten.
Sie mögen aus diesem jahrelangen Verkehr, der manchmal nicht so ganz reibungslos war, ja Ihnen gewiß manchen Seufzer entlockt hat, und den Sie vielleicht gar zuweilen als geistlos empfunden haben(weil Jugend gar zu gerne ernten will ohne gesät und gepflügt,
eackert und geschwitzt zu haben), Sie mögen aus diesem Verkehr alles Einzelne vergessen:
ie Verba auf mi und den Akkusativ mit dem Infinitiv, den Beinamen des Odysseus, das Geburtsdatum Schillers, ja vielleicht kommt sogar einmal der Tag, wo sich der eine oder andre von Ihnen nur noch ganz dunkel an so etwas wie das Parzenlied in der Iphigenie er- innert. Alles das mag sein. Was aber bleiben möge, das ist ein Funke von jenem Geist, mit dem Sie solange verkehren muſtten, verkehren durften; von jenem Geist, der im griechischen oder lateinischen, im englischen, französischen oder deutschen Gewande immer nur einer un derselbe war: der ewige und unsterbliche, der zeugende und schöpferische, der menschliche und göttliche Geist. Er. das Aufbaugesetz der Einzelpersönlichkeit wie der Kultur. Er, den gläubigere Zeiten als den heiligen anriefen, den heiligen Schöpfergeist, da sie beteten:
veni creator spiritus!
Sie kennen alle die schöne Pfingstgeschichte aus dem Neuen Testament, da dieser heilige Geist sich in Feuerzungen auf die Häupter der Gläubigen senkt. Schon immer hat die Mensch- heit ihn, den Logos, im Zeichen der Flamme geschaut, der leuchtenden und zeugenden, der verzehrenden und erwärmenden.
Jener PFlamme, die als Hausfeuer traulicher Mittelpunkt der kleinen Welt des Menschen ist, und die als Sonne mächtiges Zentrum des Alls bedeutet..
b ſener Flamme, vor deren unbeirrbarer Reinheit aller falsche Schein und Schimmer verblalltt.
Jener Flamme, die mächtig durchs Dunkel leuchtet bis in fernste Fernen, und die den Menschen findet, auch wenn er weit von ihr abirrt, solange er nur— denken Sie an Faust— nach ihr strebt.
jener Flamme, die zugleich Richtung und Halt jedes Einzelseins wie des gesamten Daseins ist.
jener Sonne, die mit der göttlichen Macht der Anziehung und Abstoftung die Mil- liardenzahl der menschlichen Planeten in ihrer Bahn hält. Bei deren Verlöschen aber das ganze System des Menschen und seiner Welt, seiner Kultur, ins Chaos der Zerstörung aus- einanderstieben müſte.
Lassen Sie mich als dringendste Mahnung unserer Gegenwart, als schwerste Aufgabe Ihrer Zukunft, zugleich als letztes Wort Ihrer Schule, als Scheidegruft grade dieses huma- nistischen Gymnasiums Ihnen statt meiner unbeholfenen Worte(die zuletzt nur eine um- schreibende Vorbereitung waren), die Verse des groften Dichters unserer Zeit mitgeben, der reiner und eindringlicher als ein anderer ein modernes veni creator spiritus in die Zeit ruft. Ich meine die wundervollen Verse Stefan Georges, die, selbst Zeugnis reiner Geistigkeit, uns zum Geist hinrufen, zum Geist, den auch der moderne Dichter im Sinnbild der Flamme schaut:
Wer je die Flamme umschritt, bleibe der Flamme Trabant! Wié er auch wandert und kreist: Wo noch ihr Schein ihn erreicht irrt er zu weit nie vom Ziel. Nur wenn sein Blick sie verlor, eigener Schimmer ihn trügt: Fehlt ihm der Mitte Gesetz. Treibt er zerstiebend ins All!


