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IV. Chronik des Gymnaſiums.
Während der Oſterferien traf das Gymnaſium ein ſchwerer Schickſalsſchlag. Herr Gymnaſial⸗ direktor Prof. Dr. Chriſtian Langsdorf hatte bereits während des ganzen vorhergehenden Winter⸗ halbjahres wegen ſchweren Herzleidens dem Unterricht und der Leitung der Anſtalt fernbleiben müſſen. Es ſollte ihm nicht vergönnt ſein, ſein Amt wieder aufzunehmen. Ein Herzſchlag ſetzte am Nach⸗ mittage des 25. März 1907 ſeinem arbeitsreichen, ſeit dem Juli 1872 dem höheren Schuldienſt und ſeit Oſtern 1895 dem hieſigen Gymnaſium in Gewiſſenhaftigkeit und treuer Pflichterfüllung gewidmeten Leben ein allzufrühes Ziel. Er war ein gerechter und wohlwollender Lehrer ſeiner Schüler, ein gerechter und wohlwollender Vorgeſetzter ſeines Lehrerkollegiums. Ueberzeugt von der Wichtigkeit und unerſetzlichen Eigenart der humaniſtiſchen Bildung für unſer Volkstum, ſetzte er ſein ganzes pädagogiſches und wiſſenſchaftliches Können für die Aufgaben des humaniſtiſchen Gymnaſiums ein. Was er in ſeiner Stellung als Leiter der Anſtalt dieſer ſelbſt und ihrem Lehrerkollegium, was er ſeinen Mit⸗ bürgern geweſen, das zeigte deutlich der lange Trauerzug, der ſich am 27. März vom Gymnaſial⸗ gebäude nach dem ſtädtiſchen Friedhof bewegte, um die ſterbliche Hülle des ſo früh Entſchlafenen zur letzten Ruheſtätte zu geleiten. Zahlreich waren aus der Stadt Dillenburg und ihrer Umgebung die Freunde des Verſtorbenen herbeigeeilt, aus der Ferne hatten ſich Freunde und Amtsgenoſſen eingefunden, das Kgl. Provinzial⸗Schulkollegium hatte Herrn Provinzial⸗Schulrat Prof. Dr. Baier entſandt, um dem Heimgegangenen die letzte Ehre zu erweiſen. Vom Lehrerkollegium hatten diejenigen, welche zu ihrer Erholung verreiſt waren, nicht gezögert, die kurze Ferienzeit zu unterbrechen, um dem Vorgeſetzten das letzte Geleit zu geben. Die Schüler aus Dillenburg und Umgegend waren faſt vollzählig erſchienen, viele hatte die ſchmerzliche Kunde zu ſpät erreicht, als daß ſie noch hätten kommen können. Sein Name ſteht mit leuchtenden Lettern in der Geſchichte der Anſtalt verzeichnet, denn er war ein Mann an ſeinem Platze, ſein Andenken wird bei allen, die ihn kannten, in Ehren und unvergeßlich bleiben.
Das neue Schuljahr begann Dienstag, den 8. April.
Vorher hatte der ſtellvertretende Leiter der Anſtalt, Herr Profeſſor Kegel, die ganze Schul⸗ gemeinde, Schüler und Lehrer, zu einer Gedächtnisfeier für den verſtorbenen Herrn Gymnaſialdirektor in der Aula des Gymnaſiums verſammelt. Nachdem Herr Pfarrer Fremdt im Gebete des dahin⸗ geſchiedenen Leiters und ſeiner ſchwer heimgeſuchten Familie gedacht hatte, entwarf Herr Prof. Kegel in warm empfundenen Worten ein kurzes Lebensbild des Entſchlafenen, würdigte ſeine Verdienſte, ermahnte die Schüler, ſein Andenken ſtets in Ehren zu halten und flehte den Schutz des Allmächtigen auf die verwaiſte Anſtalt hereb. Dann nahm der Unterricht in gewohnter Weiſe ſeinen Anfang. Die proviſoriſche Leitung der Anſtalt ſowie die Erledigung der laufenden Verwaltungsgeſchäfte wurde nach dem Tode des ſeitherigen Direktors Herrn Prof. Kegel übertragen, der bereits während deſſen Erkrankung ſeine Stelle vertreten hatte. Für die treue, gewiſſenhafte Erfüllung dieſer übernommenen Pflicht und die hingebende Fürſorge für das Wohl des Gymnaſiums ſei dem Senior des Kollegiums auch an dieſer Stelle noch einmal im Namen der Anſtalt der gebührende Dank ausgeſprochen.
Am 3. April wurde der Kandidat Linß zur Ableiſtung ſeines Probejahres und als Hilfs⸗ lehrer der Anſtalt überwieſen.
Die Pfingſtferien dauerten vom 17.—23. Mai.
Herr Prof. Hofmann nahm vom 21.—29. Mai an einem archäologiſchen Kurſus in Bonn und Trier teil.
Donnerstag, den 16. Mai unternahmen die einzelnen Klaſſen unter Führung ihrer Ordinarien Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung des Gymnaſialortes, nach Braunfels, Siegen, Butzbach, Saalburg, Gleiberg, Kirchen, Betzdorf und Biedenkopf.
Ddeer Geburts⸗ und Todestage der hochſeligen beiden erſten Kaiſer Wilhelm I. und Friedrich lll. (15. Juni, 18. Oktober, 9. März und 22. März) wurde jedesmal in den gemeinſamen Wochen⸗ andachten gedacht.
Mittels Allerhöchſt vollzogener Beſtallung vom 10. Mai 1907 geruhte Seine Majeſtät der


