Jahrgang 
1907
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Durch Dekret vom 13. Mai 1905 wurde Herr Hofkonzertmeister i. P. Petr mit den Rechten eines definitiv angestellten Volksschullehrers mit Wirkung vom 16. Mai 1905 angestellt. Vom 29. Mai 1905 ab wurden Herrn Lehrer Simon die 2 israelitischen Religionsstunden in Klasse V- X übertragen, da Herr Rabbiner Dr. Selver infolge seiner schweren Erkrankung nicht im Stande war, den israelitischen Religionsunterricht bis zu den Sommerferien zu erteilen. Die erkrankte Lehrerin Frl. von Zabern konnte vom 6.23. Mai durch das Kollegium vertreten werden.

Während der Sommerferien, am 21. juli 1905, starb in hohem Alter der Großh. Kreis- schulinspektor i. P. Herr Schulrat Dr. Fridolin Wagner, der erste Leiter der höheren Mädchen- schule, über dessen Wirksamkeit wir s. Z. berichteten⁰) und der durch hochherzige Stiftungen noch nach seinem Tode sein herzliches Wohlwollen für die Schülerinnen unserer Anstalt bewies, für die er ein zweites Kapital von wiederum 1000 Mark zu Prämienzwecken letztwillig aus- setzte. An Stelle des in den Ferien abwesenden Direktors sprach Herr Oberlehrer Lic. Herrmann bei der Beerdigung am 24. Juli 1905 folgende Worte:Im Namen der Viktoria-Schule, welcher der Entschlafene in den Jahren 185074 zuerst als Lehrer, später als Leiter seine beste Kraft gewidmet hat, lege ich zum Zeichen unauslöschlichen Dankes diesen Kranz nieder. Mit der Ge- schichte unserer Anstalt ist sein Name für immer verbunden, als der Name des Mannes, der sie vor allem durch unermüdliche öffentliche Aufklärungsarbeit über die Ziele der Mädchen- erziehung ihrer Entwicklung zu einer voll ausgebauten, staatlich anerkannten Höheren Mädchen- schule entgegengeführt hat. Seinen Schülerinnen war er ein begeisternder Führer, insbesondere auf den Gebieten der Religion, der Literatur und Geschichte. Wie in den Ferzen derer, die zu seinen Füßen saßen, so wird auch an der Schule, der sein Wirken galt und der er noch vor wenigen Jahren durch eine hochherzige Stiftung seine Anhänglichkeit bewies, sein Gedächt- nis bleiben. Er ruhe in Frieden!

Am 28. August besuchten die einzelnen Klassen die Gartenbau-Ausstellung im Orangerie- garten. Am 16. September(Samstag) fiel der Unterricht aus wegen des auf Sonntag den 17. Sep- tember fallenden Geburtstages Ihrer Königlichen Hoheit der Großherzogin, an dem das umgebaute Theater eingeweiht wurde.

Für Herrn Dr. Schneider übernahm am 23. September 1905 Herr Kaplan Kastell den katholischen Religionsunterricht in den Mittel- und Oberklassen der Schule.

Am 25. August(Ludwigstag) wie am 2. September(Sedan) fiel der Unterricht aus. Im Sommer wurde öfters wegen allzu großer Hitze der Unterricht von 11 Uhr ab ausgesetzt, die üblichen 4 Schulspaziergänge konnten morgens gemacht werden, während das Bewegungsspiel mittags gepflegt wurde, wobei die Schülerinnen der Klassen I VI, in 5 Spielgruppen vereint wie in den Vorjahren, unter Aufsicht im Schulhofe spielten und die Seminarklassen nebst Klasse l'a und Ib jeden Nachmittag, nach eigener Wahl Lawn-Tennis üben konnten.

Nachdem die Räumlichkeiten in dem von der Stadt angekauften Hause Heinrichstraße Nr. 101 für Schulzwecke eingerichtet und durch Versetzung der Wände 1 größeres und 4 kleinere Schulzimmer gewonnen waren, konnten die im Singsaal, dem Sammlungszimmer für Physik und der Bibliothek notdürftig untergebrachten Klassen diese Klassensäle am 9. Oktober 1905 be- ziehen, wo zunächst 3 Klassen, nämlich Klasse IIIb, IXb, Xb, in dieses Nebenhaus verlegt wurden. Dasselbe kann in seinen 5 Klassenräumen bequem etwa 120 Schülerinnen aufnehmen, wodurch die Uberfüllung der Klassen im Haupthause vermieden werden kann, sodaß trotz der großen An- zahl der Schülerinnen die Durchschnittszahl sämtlicher Klassen keine zu hohe genannt werden kann und Ostern 1006, wo alle 5 Räume des Nebenhauses besetzt waren, nur 32 betrug, wobei nur eine einzige Klasse die Zahl von 40 Schülerinnen zeitweise erreichte, gewiß eine günstige Zahl, die von wenigen größeren höheren Mädchenschulen, die neben einem 120 Schülerinnen zählenden Lehrerinnenseminar eine Schülerinnenzahl von 800 aufweisen, eingehalten werden kann.

Am 25. Oktober 1005 fand in Gegenwart Ihrer Königlichen Hoheiten des Großherzogs und der Großherzogin, Ihrer Großherzoglichen Hoheit der Prinzessin Viktoria und vieler Geladenen die Einweihung des von der Schuljugend Darmstadts gestifteten Denkmals für die verstorbene Prinzessin Elisabeth statt. Lilly Waitz, Schülerin der Klasse IVa, hatte die Ehre, die von Herrn Prof. Keil für diese Gelegenheit gedichtete Widmung sprechen zu dürfen. An der ernsten Feier nahmen sämtliche Klassen der Viktoriaschule und des Seminars teil, um ihrem geliebten Prinzeßchen die letzte Ehre zu erweisen.

Am 18. November hatte der Unterzeichnete die Ehre, von Ihrer Großherzoglichen Hoheit der Prinzessin Viktoria von Hessen, Ludwig von Battenberg empfangen zu werden.

6) s. Festschrift 1898 und Jahresbericht 1899.