Jahrgang 
1903
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Am 16. Dezember sah sich Herr Professor Dr. Röll, der auch im Oktober des Jahres 1901 auf eine 25 jährige Tätigkeit in der Schule und dem Seminar zurückblicken konnte, genôtigt, aus Gesundheitsrücksichten einen vierwöchigen Urlaub zu nehmen, der zu unserer Freude von gutem Erfolg begleitet war.

Am 24. Januar wurde uns die traurige Nachricht, daß unser lieber, erkrankter Kollege, Herr Geibß, seinem schweren Leiden erlegen war. Am 26. Januar gaben wir ihm das letzte Geleite, wobei Herr Professor Keil in warm empfundenen Worten die Leichenrede hielt, und der Unterzeichnete dem Dahingeschiedenen die letzten Grüße von der Schule und dem Seminar, von seinen trauernden Kollegen und dankbaren Schülerinnen am Grabe darbrachte. Mehr als 32 Jahre, seit dem 22. Màrz 1869, hatte er seine hervor- ragenden Kräfte und Anlagen der Viktoriaschule gewidmet, an der Entwicklung der Schule und der Errichtung und dem Ausbau des Seminars tätigen Anteil genommen, wozu ihn seine bedeutenden geistigen Anlagen, seine rastlose Energie und sein scharfer Verstand besonders befähigten, sodass man wohl sagen kann, dass die weibliche Jugend unserer Stadt, soweit sie die Viktoriaschule oder das Seminar besucht hat, dem Dahin- geschiedenen ihre Ausbildung im Rechnen und der Raumlehre verdankt. Wir werden das Andenken dieses verdienstvollen Lehrers stets in Ehren halten.

Kaisers Geburtstag wurde in üblicher Weise am 27. Januar 1902 festlich begangen, wobei die Schülerinnen in Deklamationen und Gesängen ihrer Liebe und Anhänglichkeit an Kaiser und Reich Ausdruck verleihen durften...

Die schriftliche Prüfung der Anwärterinnen für das Lehramt an höheren Mädchen- schulen fand in der Zeit vom 3. 6. Februar statt. Die Prüfung im Zeichnen und Turnen folgte am 22. Februar, die Lehrproben wurden am 24. Februar in den Mittel- und Unter- klassen abgelegt, worauf die mündliche Prüfung am 24. Februar 1902 erfolgte. Sämtliche 17 Damen bestanden die Prüfung, und zwar

mit der Note I sehr gut, 12 Il gut, 4 v III genügend.

Da die Gefahr einer Uberfüllung der Unter- und Mittelklassen drohte, wurden die Anmeldungen für Klasse X VII schon teilweise im Herbst 1901, teilweise am 17. Februar 1902 entgegengenommen, ebenso fand die Aufnahmeprüfung für das Seminar noch vor Schulschluß, der am 19. März erfolgte, nämlich am 14. März 1902 statt.

1902/08.

Das Schuljahr 1902/03 begann am 7. April, an welchem Tage Anmeldungen für die Schule entgegengenommen wurden. Nachdem das Kuratorium beschlossen, die Klassen VI und V in 3 Parallelklassen zu zerlegen, waren die Befürchtungen, Schülerinnen wegen Raummangels abweisen zu müssen, gegenstandslos geworden. Allerdings mußten, um dies zu ermöglichen, Räume zu Klassenzimmern eingerichtet werden, welche, wie der Saal für Naturgeschichte, anderen notwendigen Zwecken gewidmet waren, sodab der große Bau mit seinen 25 Klassenzimmern nunmehr an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit angelangt ist und die Errichtung neuer Klassen ausgeschlossen erscheint. Sollte die Schülerinnenzahl weiter in dem seitherigen Mabe zunechmen, so würde der Bau einer zweiten höheren Mäadchenschule im Nordviertel, die im Prinzip beschlossen zu sein scheint, in nächster Zeit zu einer dringenden Notwendigkeit werden. Ob die Vollendung der zweiten Mäâdchenmittelschule an der Hermannstraße zur Entlastung der Viktoriaschule beitragen wird, lälst sich jetzt noch nicht mit Sicherheit sagen.

Am 7. April wurden die neu eintretenden Schülerinnen, soweit sie noch nicht vorgemerkt waren, angemeldet, am 8. April fing der Unterricht an. Durch den Tod des Herrn Geiß und die Errichtung der Klassen VIc und Ve wurde die Berufung dreier neuen Lehrkräfte notwendig, welche in Herrn Oberlehrer Hensing',

*) Lebenslauf: Karl Gustav Hensing, geboren am 5. Mai 1867 zu Darmstadt, besuchte zuerst Reinhardts Institut und dann das Realgymnasium zu Darmstadt, das er Ostern 1886 mit dem Zeugnisse der Reife verließ. Er widmete sich alsdann dem Studium der Mathematik an der Technischen Hoch- schule zu Darmstadt und der Ludwigs-Universität zu Gießen. Nachdem er im Frühjahr 1891 zu Gießen die Sizatspedfuns) beslanden hatte, erledigte er von Ostern 1891 bis Ostern 1892 seinen Acceß am Neuen Gymnasium zu Darmstadt. Durch Verfuͤgung Großh. Ministeriums des Innern wurde ihm Ostern 1892