Jahrgang 
1882
Einzelbild herunterladen

136

Es muß überhaupt das Ziel des Unterrichts ſein, die Schüler zur geiſtigen Selbſtthätigkeit auch in dieſer Beziehung anzuleiten, ſie nicht blos zu behüten, ſondern beurtheilen zu lehren, was gut oder nachtheilig für ihre Geſundheit ſei.

Der Geſundheitszuſtand war bei Lehrern und Schülern ein guter. Zwar erkrankten im vori⸗ gen Sommer nach und nach 10 Schüler an den Maſern. Es wurden aber ſofort die nöthigen Vorſichtsmaßregeln getroffen und, da die Krankheit durchaus gutartig auftrat, wurde weiter kein Zögling dadurch an Geſundheit und Leben geſchädigt.

II. Geſchichte der Anſtalt.

Die öffentliche Prüfung am Schluſſe des vorigen Schuljahres hatte am 11. April ſtattge⸗ funden. Als Commiſſarius fungirte hierbei Herr Landesrath Quentel. Auch Herr Amtmann von Wickede aus Idſtein, ſowie viele Freunde des Taubſtummenbildungsweſens aus der Nähe und Ferne hatten ſich eingefunden, um ihr Intereſſe zu bekunden. Bei der Prüfung wurden 11 Zöglinge entlaſſen. Dafür ſind im Verlaufe dieſes Schuljahres 18 Zöglinge eingetreten und be⸗ läuft ſich die Geſammt-Schülerzahl auf 83. Trotzdem konnten nicht alle Aufnahmegeſuche berück⸗ ſichtigt werden.

In der Entwicklung unſerer Anſtalt iſt als beſonders wichtig die Errichtung der VII. Cl. zu regiſtriren. Sie war eine nothgedrungene Einrichtung, da die Claſſen überfüllt waren. Durch Verſchiebungen einzelner Schüler mit Berückſichtigung ihres Alters und Standpunktes wurde die VII. Cl. gebildet, welche aber nach ihrem Standpunkte und Range die IV. Cl. der Anſtalt iſt. In dieſelbe fand auch ein Schüler Aufnahme, welcher im Jahre zuvor durch Genickkrampf(Cere- brospinal-Meningitis) ſein Gehör verloren hatte. Dieſe tückiſche Krankheit, welche namentlich in 1864 in Weſtpreußen, Baden und andern Theilen Deutſchlands ſo viele Opfer gefordert hatte, führte uns im letzten Jahre ebenfalls mehrere Schüler zu.

Beiſpielsweiſe erkrankten im Jahre 1880 daran zwei Knaben aus zwei ſtundenweit entlegenen Ortſchaften des Umtes Uſingen an demſelben Tage und zu derſelben Stunde und wurden beide da⸗ durch taub.

Durch Errichtung der VII. Cl. ſind nunmehr die überfüllten Claſſen entlaſtet. Eine weitere Sorge iſt es nun, den zahlreichen Anmeldegeſuchen gerecht zu werden, wodurch aus den Neuaufzu⸗ nehmenden zwei Claſſen, anſtatt einer, gebildet und ſomit Parallelclaſſen errichtet werden müſſen.

Im Juni v. J. beehrte ein Hoher Verwaltungsausſchuß in Begleitung des Herrn Landes⸗ directors unſere Anſtalt mit einem Beſuche.

Zu dem ſchon früher erworbenen Gelände hat die Anſtalt in dem abgelaufenen Jahre noch einen bedeutenden Complex für etwa 10000 erworben und für außergewöhnliche Bauten, An⸗ lage einer Entwäſſerung und Melioration des neu erworbenen Grundeigenthums, um darauf Baum⸗ ſchulen und Obſtbaumpflanzungen anlegen zu können, noch weitere 15000 verwendet. In jeder Beziehung bethätigen die der Anſtalt vorgeſetzten Behörden auf dieſe Weiſe das rege Intereſſe, das ſie der Anſtalt entgegenbringen und fühlen wir uns verpflichtet, an dieſer Stelle für das geſchenkte Wohlwollen unſern wärmſten Dank auszuſprechen.