Jahrgang 
1928
Einzelbild herunterladen

16

spaziergänge und die Jahresausflüge führen meist nur in die nähere Umgebung, deren Schön- heiten und geschichtliche Merkwirdigkeiten den Schiilern bald bekannt sind. Eröſere Wan- derungen und längerer Aufenthalt an alten Kulturstätten konnten wegen der groſten Kosten, die deunit verknü öft waren, nicht durchgeführt werden. Da kam man auf dern kiihnen Ge- danken, ganze Naeen ors Irigeer Städte auszutauschen. Was man vorher nur mit beträchtlichem Kostenaufwand erreichen konnte, war jetzt mit geringen Mitteln zu bestrei- ten. Die Eltern tauschten ihre Kinder für eine bestimmte Zeit aus. so daß sie nur für die Reise und kleine Nebenausgaben aufzukommen hatten. Den Weg des Klassenaustausches hat nach dem Kriege zuerst die Dürerschule, eine staatliche höhere Versuchsschule, in Dresden beschritten.

Ein Klassenaustausch mit Dresden erschien mir verlockend: die Kunstschätze, das Barock und die vielen anderen Sehenswürdigkeiten der sächsischen Hauptstadt konnten eine höhere Klasse unserer Ernst-Ludwig-Schule für 14 Tage fesseln. Ein kunstverständiger und kunst- begeisterter Lehrer, Studienrat Gustav Wa fdt. nahm die Anregung gern auf, wir traten mit der Dürerschule in Verbindung und erhielten eine freudige Zusage. Die FEltern der Unter- prima, die für die Reise ausersehen wurde, stimmten dem ungewöſinlichen Plane in einer abendlichen Aussprache zu: einzelne erxärmten sich sehr lebhaft für diese neue Art der pädagogischen Unterweisung, andere mochten wohl keinen Einspruch erheben, da sie ihrem Sohn oder ihrer Tochter dlie Freude niatf rauben wollten, die sich die Klasse von der ge- meinsamen Fahrt im voraus versprach. Nachdem dann auch das Landesamt für das Bil- dungswesen den Klassenaustausch genchmigt hatte, konnte mit der Vorbereitung der Reise im Unterricht begonnen werden. Urspr ünglich war peabsichtigt. die Reise unmittelbar an die Smererſah anzuschließen. Das ließ sich aber nicht durchffihren. da die Dürerschule gleichzeitig 4 Klassen zum Austausch entsandte und dadurch gewisse Bindungen gegeben waren. Auferdem wies Studienrat Martin Leistner. der Pährer der Pteelnen Ao elisclr klasse, mit Recht darauf hin, daß der September der wolkenloseste Monat sei. und wir wil- ligten deshalb in seinen Vorschlag, den Austausch in der Zeit vom 28. August bis 11. Sep- tember zu bewerkstelligen. Bei der Unterbringung der Zöglinge wurde Rücksicht auf die beiderseitigen luslichen Verhältnisse genommen. soweit das bei der Verschiedenartigkeit der Umwelt der Bürger einer Klein- und Großstadt möglich ist. Für kränkliche Seſrii on mußte besonders gesorgt werden, für übergesunde und zu finbesonnonleſten neigende mufßte eine Familie gefunden werden. Wo strens die Hausordnung gehandhabt und zeitige Heimkehr des Gastes am Abend gefordert wird. Diese Maßnahme war nur als Sicherung gegen Ueber- raschungen zu betradien: denn wir pflegen unsere Schiiler zu behandeln. als wären sie, Wwie sie sein ollten. und bringen sie so Aahfies wohin sie zu bringen sind(Goethe).

Was wir uns von der Reise versprechen? Die Bedingungen, unter denen sich der Aufent- halt und der Unterricht am fremden Ort vollziehen. sindj Kedin ginstig. Zunächst hat der Schüler an der Familie, wo er untergebracht ist, einen festen Rückhalt. eine Quelle der Beleh- rung iiber alle Dinge. die ihm neu oder fremdartig entgegentreten. Fir die Durchforschung der Tandschaft unq ihrer Kulturdenkmäler entwirft der ührer der Klasse unter der fach- männischen Beihilfe der Lehrer am Orte einen ausführlichen Plan. der das Arbeitspensum für die Klasse bildet. So hatten die beiden Dresdner Herren sich die Aufgabe gestellt, ihren Schülern und Schülerinnen einer Quarta die Besiedelung und Kultur der W. etferau und der angrenzenden Gebiete von den ältesten Zeiten bis auf unsere Tage vor Augen zu führen. Der Besuch des Friedberger Museums und der Saalburg, ein Unterrichtsgang qurch die alte Reichs- stadt Friedberg und die Besichtigung der neuzeitlichen technischen Werke und Anlagen von Bad Nauheim Stellten Etappen zu diesem Ziele dar.

Mit dem Sehen und dem Anhören der Erklärungen allein ist aber die Arbeit der Schüler nicht erschöpft.Was man nicht bespricht, bedenkt man nicht recht. Was fest im Gedlächt- nisse haften soll, braucht noch weitere Stützen, besonders die Selbsttätigkeit des Schülers mußt der stofflichen Verarbeitung nutzbar gemacht werden. Deshalb machen sich die Zöglinge Notizen und nach bestem Können Sbſzzen und Zeichnungen von allem. was sie cchaschen können und betätigen bei der Wahl von Motiven auch schon eigenes Kunstempfinden. Um sich über die sichere Erfassung des Geschauten und der sachverständigen Erläuterungen zu vergewissern. vereinigt der Lehrer seine jugendliche Reisegesellschaft alle paar Tage: in der Kjasse. die ihm in der Schule des Besuchsortes überlassen drird. und läßt sich ergähſen, riickt zurecht, ergänzt und rundet das Ganze zu einem einheitlichen Bilde. Das Erlebnis wird zur Grundlage des Unterrichts. Wenn wir früh bei unseren Kindern das Schauen und Beobachten