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10 langen Jahren größer war als Sie es wissen. Denn die liebe, gute, treue Mutter verbirgt vor ihrem Kinde ihren Kummer und ihre Sorge und unterdrückt ihre Tränen und ihren Schmerz, um ihren Liebling nicht zu betrüben. Und belohnen Sie alle Menschen, denen Sie Dank schuldig sind, durch ein artiges, gesittetes Betragen, durch ein liebevolles Wesen gegen jedermann. Be— halten Sie Ihren einfachen, schlichten Sinn, bleiben Sie treu und wahr in ihren Gedanken und Ihrem Handeln und behalten Sie Gott in Ihrem Herzen, dann wird es Ihnen immer gut gehen. Ueb' immer Treu' und Redlichkeit bis an Dein kühles Grab, und weiche keinen Finger breit von Gottes Wegen ab. Mit diesem Spruche entlasse ich Sie, auch im Namen des Lehrerkollegiums, aus unserer Schule; unsere besten und herzlichsten Glück- und Segenswünsche begleiten Sie auf Ihren ferneren Lebenswegen.—
Während der Osterferien 1906 nahm die Lehrerin für Handarbeiten, Fräulein Ella Oraf, freiwillig an einem Turnkurs in Darmstadt teil, der von dem Großherzogl. Landesturninspektor Herrn Schmuck geleitet wurde.—
Durch Ministerialverfügung vom 20. April 1906 wurde der Lehramtsreferendar Wilhelm Schmidt aus Etzen-Gesäß zur Fortsetzung seines zweiten Akzessjahres unserer Anstalt über-— wiesen. Er übernahm mehrfach wechselnden geographischen und naturwissenschaftlichen Unter— richt in verschiedenen Klassen.—
Infolge Einführung des Realschullehrplans und eines Lateinkurses in Quinta waren 12 Stunden mehr erforderlich. Davon konnten 4 Stunden durch Vereinigung mehrerer Klassen zu gemeinsamem Unterricht im Singen und Turnen und 4 Stunden durch Mehrbelastung einiger Lehrer und Lehrerinnen gewonnen werden. Zur Erteilung von 4 Stunden mußten Lehrkräfte herangezogen werden. Ferr Pfarrassistent Knott war so freundlich, 2 Religionsstunden und Herr Lehrer Heuser von der Stadtschule 2 Turnstunden zu übernehmen. Auch hatte Fierr Pfarr- assistent Knott die Liebenswürdigkeit, 2 weitere Religionsstunden von Herrn Pfarrer Wissig, der durch seine anstrengende amtliche Tätigkeit und insbesondere durch die Obliegenheiten, die ihm der Neubau der Dankeskirche verursachte, an deren Erteilung verhindert war, im Schuljahr 1906/07 zu übernehmen. Es sei ihm deshalb noch einmal ganz besonders hier gedankt. Da für die Kombinationsstunden wie Singen, Schreiben, Zeichnen und Handarbeiten die vorhandenen Räume im eigenen Schulgebäude nicht ausreichten, so mußte im Stadtschulhause ein 2. Lehrsaal für diese Zwecke in Benutzung genommen werden. Wenn auch durch diese Einrichtung dem dringendsten Bedürfnis vorerst abgeholfen ist, so bleibt doch im Interesse unserer Schule die baldige Beseitigung dieses provisorischen Zustandes um so dringender zu wünschen, als die Stadtschule durch Teilung überfüllter Klassen in der nächsten Zeit die von uns benutzten Räume selbst benötigt. Wir begrüßen es deshalb mit Freuden, daß die Hoffnungen, die wir im letzten Jahresbericht bezüglich eines Neubaues der höheren Bürgerschule ausgesprochen haben, ihrer Verwirklichung wesentlich näher gekommen sind. Denn die Stadtvertretung hat, damit die Schule in ihrer Entwickelung ungehemmt bleibt und das sichtbare Gedeihen unserer Anstalt durch räumliche Schwierigkeiten nicht behindert wird, die Frage der Gewinnung neuer Schul-— räume ernstlich in Erwägung gezogen und die Errichtung eines Neubaues auf der städt. Bleiche in der Mittelstraße beschlossen. Und wenn nun unvorhergesehene Schwierigkeiten eine un- liebsame Verzögerung des Projektes nicht mehr verursachen, so ist sichere Aussicht vorhanden, daß schon mit Eintritt der besseren Witterung im bevorstehenden Frühjahr mit dem Neubau be- gonnen wird. Wir sprechen den städtischen Behörden, insbesondere Herrn Bürgermeister Dr. Kayser und den Herren Stadtverordneten für bereitwilliges Entgegenkommen unseren besten Dank aus.
Am 30. April beehrte Herr Geheimrat Dr. Eisenhuth die Schule mit seinem Besuche und wohnte dem Unterricht mehrerer Klassen bei.
Am 16. Juni fand der gewohnte Tagesausflug aller Klassen unter Führung ihrer Lehrer statt. Die Ober- und Untersekunda fuhren mit der Bahn über Gießen nach Bieber, erstiegen den Dünsberg und marschierten über Bubenrod, Blasbach, Hermannstein nach Wetzlar, von wo die Rückkehr mit der Bahn erfolgte. Die Obertertia benutzte die Bahn bis Bad-Homburg, von wo aus über den Sandplacken der große Feldberg erstiegen wurde. Der Rückweg wurde über die Saalburg nach Homburg angetreten. Die Untertertia und Quarta erreichten mit der Eisen- bahn Hausen i. T., machten von hier eine Wanderung über Altweilnau, Neuweilnau, durch das Weiltal über Hunstall nach Anspach und kehrten mit der Bahn nach Bad-Nauheim zurück. Die Quinta fuhr mit der Bahn nach Butzbach, begab sich zu Fuß nach Münzenberg; von dort weiter über Kloster Arnsburg nach Lich, von wo der Bahnzug gegen 6 Uhr sie wieder heimwärts


