Jahrgang 
1907
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schloß sich die Rede des Unterzeichneten. Um einem vielseitig geäußerten Wunsche aus Eltern- kreisen zu entsprechen, sei hier der Wortlaut dieser Ansprache, wie folgt, wiedergegeben:

Hochgeehrte Anwesende! Liebe Schülerinnen!

Am 1. Mai des vorigen Jahres begingen wir hier in diesem Saale im festlichen Gewande die feierliche Eröffnung unserer neugegründeten höheren Bürgerschule. Heute haben wir uns wieder hier versammelt, aber aus einem ganz anderen Grunde; heute gilt es, die Schülerinnen unserer obersten Klasse aus unserer Schule in feierlicher Weise zu entlassen.

Liebe Schülerinnen! Die heutige Feier ist für Sie ein außerordentlich wichtiges und be deutungsvolles Ereignis, denn sie schließt Ihre eigentlichen Kinderjahre ab und führt Sie ein in einen neuen, ganz anderen Lebensabschnitt. O Kinderzeit, o schönste Zeit!

Zehn lange Schuljahre liegen nun hinter Ihnen; als kleine, 6jährige Mädchen von treuer Elternhand zur Schule geleitet und ihr anvertraut, ist heute der Augenblick gekommen, in dem Sie diese Bildungsstätte verlassen sollen. Man sagt, mit dem ersten Schultage beginnen des Kindes Sorgen. Aber, nicht wahr, meine lieben Schülerinnen, so schlimm ist es mit diesen Sorgen doch nicht gewesen, und hören Sie, was ich lhnen heute sage: Ihre Schulzeit wird ganz gewiß zur schönsten Zeit Ihres Lebens gehören. Allerdings, wir forderten von Ihnen nicht wenig: ein offenes Herz und willigen Gehorsam, treuen Fleiß und nimmermüde Teilnahme am Unter richt, aber ohne Ihre Lebensfrische zu verkümmern, für die nicht nur die ausgiebigen Ferien, sondern auch die Leibesübungen sorgten, die ja auch bei uns eifrig und mit Erfolg gepflegt werden. Aber ohne diese Bedingungen hätten wir die in unserem sorgfältig und gewissenhaft ausgearbeiteten Erziehungs- und Unterrichtsplan uns gestellten Aufgaben nicht lösen können; ohne sie hätte ich heute nicht den Mut, vor dieser festlichen Versammlung zu erklären, daß Sie alle zu unserer Freude und Zufriedenheit unsere Anstalt mit Erfolg absolviert haben. Mein Wunsch ist, daß unsere Jugend in strenger Zucht gehalten wird, sie soll hart arbeiten lernen, aber die Gesinnung, aus der heraus die Zucht geübt und die Arbeit aufgetragen wird, soll die Liebe sein, die Liebe, die neben dem Ernst auch die Geduld kennt, die Liebe, die nimmer ver- zweifelt, so lange noch ein Hoffnungsfunke in der Seele des Kindes glüht.

Und in diesem Sinne ist unsere Schule bestrebt gewesen, Geist in Ihnen zu wecken und Sie mit Geist zu erfüllen. Das haben wir als die Hauptforderung aller Pädagogik erkannt. Wir haben es, soviel in unseren Kräften stand, daran nicht fehlen lassen, Sie durch Belehrungen und Ermahnungen auf die richtigen Wege zu leiten, Sie zu begeistern für alles Gute, Edle, Wahre und Schöne, und ich meine, wo diese Eigenschaften gepflegt werden, da wird auch die jugend fähig für die Aufgabe, das Erbe der Väter zu erhalten und zu pflegen und zu bewahren, was eine große Vergangenheit uns erworben hat. Und zur Lösung dieser Aufgaben werden auch Sie, meine Schülerinnen, allerdings erst in Ihrem späteren Lebensalter berufen sein.

Heute heißt es für Sie, Abschied nehmen von der Stätte, in der dieser Geist gepflegt wurde; von der Schule, in der Sie sich 10 Jahre lang fast jeden Morgen zu gemeinsamer Arbeit versammelt haben, und wo das gemeinsame Gebet:»Höchster, der Du allezeit bei den Deinen bist auf Erden, laß auch unsere Schule heut' Dir zu einem Tempel werden, wo das erze sich verklärt, wo Dein Geist uns Kinder lehrt«, alle lhre Wünsche zum Ausdruck brachte.

Von heute ab ist dies anders. Gewiß fällt noch dem Elternhause oder der Lehranstalt, die Sie noch weiter besuchen wollen, die Aufgabe zu, Ihre Erziehung in unserem Sinn weiter- zuführen; aber durch die größere Selbständigkeit, zu der Sie heut gelangen, wird Ihre eigene Verantwortung bezüglich Ihrer Weiterbildung größer. Glauben Sie niemals, Ihre Bildung sei abgeschlossen; das wäre schlimm für Sie und für alle diejenigen Menschen, mit denen Sie je in näheren Verkehr treten. Wir haben Ihnen nur den Weg gezeigt, wie man arbeiten soll, wir haben Geist in Ihnen zu wecken gesucht, und Sie haben bei uns soviel gelernt, den von uns in Ihnen geweckten Geist weiter zu bilden. Aber nach Allem, was wir an Ihnen zu beobachten Gelegenheit hatten, zu urteilen, dürfen wir Sie mit Zuversicht aus unserer Schule entlassen.

Liebe Schülerinnen! Bleiben Sie dankbar gegen unsere Schule, die Sie heute verlassen; gegen alle Ihre Lehrer und Lehrerinnen, die stets mit heiligem Ernst und treuem Eifer, aber auch mit fröhlicher Hoffnung an ihre nicht leichte, aber volle Befriedigung gewährende Aufgabe heran- getreten sind, und zeigen Sie diese Dankhbarkeit durch das Bestreben, den von uns in Ihnen ge weckten Geist durch stete Weiterbildung zu pflegen und zu vervollkommnen, so lange Sie leben. Und ehren Sie auch unsere Schule durch stete Dankbarkeit gegen Ihre lieben Eltern, deren Sorge um lhre gewissenhafte Pflichterfüllung gegen unsere Schule und um Ihre Gesundheit in diesen