Jahrgang 
1906
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Begierden nach irdischen Gütern erfundenes Gaukelspiel hinzustellen pflegen. Wir vernehmen aber auch aus den Kreisen moderner Denker und Dichter Stimmen, die sich ausdrücklich gegen Schiller erheben, und zwar nicht nur gegen seine ideale Welt- und Lebensanschauung, die sie auf Grund einer fortgeschrittenen Weltweisheit verachten zu dürfen glauben, hat doch einer von ihnen sich nicht gescheut, auf ihn das ebenso pietät- wie geschmacklose WitzwortDer Moral- Trompeter von Säkkingen zu prägen! sondern auch gegen seine ganze Art zu dichten, die man vom Standpunkte einer neuen Kunstlehre aus für eine verkehrte hält. Diese Widersacher wissen zwischen Schiller und dem Heere seiner Nachahmer, die, ohne seine innere Größe zu besitzen, in seinem Stile dichteten und darum in Unnatur verfielen, nicht gehörig zu scheiden und erheben statt gegen diese, gegen Schiller selbst ungefähr dieselben Vorwürfe, wie dieser in dem bekannten Gedicht an Goethe gegen die Unnatur der französischen Tragödie:

Aus ihrer Kunst spricht kein lebend'ger Geist... Nicht mehr der Worte rednerisch Gepränge,

Nur der Natur getreues Bild gefällt.

Verbannet ist der Sitten falsche Strenge,

Und menschlich handelt, menschlich fühlt der Held.

So berechtigt die Auflehnung gegen diese Epigonendichtung war, die sich mehr aus der Literatur als dem Leben befruchtete, so schoß man doch über das rechte Ziel hinaus, auf das Schiller in demselben Gedicht mit den Worten weist:

Der Schein soll nie die Wirklichkeit erreichen, Und siegt Natur, so muß die Kunst entweichen.

Aber auch bei manchen von den Besonneneren, die sich von diesem UÜbermaß abgekehrt haben, besteht doch die Geringschätzung Schillers noch fort. Auf den Bahnen Goethes soll die moderne Dichtung sich entwickeln, so fordert man, indem man nur den Gegensatz zwischen beiden betont und das Gemeinsame übersieht, das Schiller in dem Ihnen bekannten GedichteDie Uberein- stimmung so treffend hervorhebt. Nun wird zwar niemand leugnen, daß auch in der heut ein- geschlagenen Richtung Vortreffliches geleistet werden kann, und wer von uns hätte sich nicht schon an mancher lebensfrischen Dichtung der neusten Zeit erfreut? Ja, wir können, solange die Wahrheit des Goetheschen Wortes besteht, daß, wer einen grobßartigen Stil schreiben wolle, einen großen Charakter haben müsse, nur wünschen, daß alle, denen diese Voraussetzung fehlt, bei ihrer Stilart verharren, aber nur nicht mit dem Anspruch, die einzig wahre und allein selig machende Poesie entdeckt zu haben. Gäbe es nur eine berechtigte Art dichterischer Anschauung und Darstellung, so hätten sich Schiller und Goethe niemals zu jenem Bunde vereinigen können, der die in beiden schlummernden dichterischen Kräfte erst von neuem weckte und in inniger Wechselwirkung so befruchtete, daß, wie Goethe sagte, einer ohne den anderen gar nicht zu ver- stehen ist.Man wird uns beide, so spricht sich Schiller aus,verschieden spezifizieren, aber unsre Arten nicht unterordnen, sondern unter einem höheren Gattungsbegriff einander koordinieren. Weder die eine noch die andere Art kann, wie er an anderer Stelle sagt, für sich allein betrachtet, das Ideal schöner Menschlichkeit ganz erschöpfen, das nur aus der Verbindung beider hervorgehen kann. Mögen die Dichter, die diese Wahrheit verkennend nicht nur die Form, sondern auch den erhabenen Gehalt der Schillerschen Dichtung mißachten zu dürfen glauben, den Gegensatz zu ihr nach wie vor geflissentlich hervorkehren und statt der Menschheit große Gegenstände in ihren Zustands- und Milieuschilderungen das Gemeine und ewig Gestrige, statt des Kampfs gewaltiger Naturen des Lebens flach alltägliche Gestalten, statt des Geistes tapfrer Gegenwehr das dumpfe Leiden darstellen; mögen sie im Banne einer jenseits von gut und böse liegenden Sittenlehre das Recht des Einzelnen gegen das des Ganzen, das Recht der Triebe gegen das Gebot der Sitte vertreten und auf Grund ihrer jenseits von schön und häßlich aufgebauten Kunstlehre fortfahren, die gemeine Deutlichkeit der Dinge, nicht umwoben vom goldnen Duft der Morgenröte, sondern in grellster Beleuchtung zu zeigen und statt unser Hochdeutsch zu veredeln und fortzubilden, der Natur nachlässig rohe Töne dem gemeinen Leben abzulauschen; mögen sie endlich, statt aus den Tiefen des deutschen Gemüts zu schöpfen, ihre Vorbilder in der Fremde, bei Franzosen, Russen, Skandinaviern suchen und statt mit frischem Labetrunk aus dem Borne wahrer Poesie die Seele des ganzen Volkes zu erquicken, die Wirkung ihrer Werke auf den an pikante Würze gewöhnten Gaumen großstädtischer Leser- und Zuschauerkreise berechnen Schillers Genius wird wie über alle Widersacher, die seit den Tagen der Romantiker seinen Gang durch die eroberte Welt zu hemmen suchten, auch über diese Modeströmung siegreich wegschreiten.

Für Sie aber, meine jungen Freunde, wäre es ein Schaden an Ihrer Seele, wenn Sie, hinaus- getreten ins Leben, sich haltlos fortschwemmen ließen vom Strome der Zeit. Darum wider- . stehen Sie tapfer dem verführerischen Reiz, den das Neue immer für die Jugend hat, auch wenn es im Grunde gar nicht neu ist, sondern sich nur mit blendenden Schlagwörtern dafür ausgibt. Sie werden Ihnen auch in akademischen Kreisen begegnen, jene modischen Jünglinge, die an ihrem Leibe die neueste Tracht in ebenso tadellos regelrechtem Zuschnitt zur Schau tragen, wie an ihrer Seele die platte Nüchternheit modernster Weltweisheit, die Begeisterung und Ideale für törichte Jugendschwärmereien, Gewinn und Vorteil für die einzig erstrebenswerten Lebensziele halten und für rasche Beförderung geneigt sind, ihren Männerstolz nicht nur vor Königsthronen,