die zerstörenden Mächte, Krankheit, Tod und Verwesung in nächster Nähe kennen gelernt hatte, sich immer wieder aufdrängte.
„Und erstickst du ihn nicht in den Lüften frei, Stets wächst ihm die Kraft auf der Erde neu.“
Das hat er in heißem Ringen mit diesem inneren Feinde an sich selbst erfahren, bis des Zweifels finstre Wetter vor dem Sonnenlichte jener Wahrheit wichen, die er in den„Worten des Glaubens“ so sieghaft verkündet. Und darin liegt auch jene sieghafte, den Widerstand der stumpfen Welt bezwingende Macht seiner Dichtung. Wir fühlen es: das weltliche Evangelium, das er so feierlich kündet, es ist kein leerer Schall, kein phantastischer Traum eines welt- abgewandten, weichlichen Schwärmers, sondern eignes, inneres Erlebnis eines mannhaften, kraft- vollen Lebensüberwinders, ein in schweren Kämpfen mit sich selbst errungener Sieg des freien Gedankens über der Sinne Schranken, wie sein äußerer Lebensgang ein Sieg des freien Willens über die Schicksalsmächte war.„Durch alle seine Werke,“ sagt Goethe,„geht die Idee der Frei- heit, und diese Idee nahm eine andere Gestalt an, sowie Schiller in seiner Kultur weiterging und selbst ein anderer wurde. In seiner Jugend war es die physische Freiheit, die ihm zu schaffen machte und die in seine Diehtungen überging, in seinem späteren Leben die ideelle... und ich möchte fast sagen, daß diese Idee ihn getötet hat; denn er machte dadurch Anforderungen an seine physische Natur, die für seine Kräfte zu gewaltsam waren.“
So hat er im Leben bezeugt, was er im Dichten verkündete. Wie seine tragischen Helden, die mehr durch des Geistes tapfere Gegenwehr als durch das Leiden selbst uns die Träne des Mitleids entlocken, hat er, den Tod nicht scheuend, sein Leben eingesetzt für seinen höchsten Lebenszweck, in die Furche der Zeit Taten zu streuen, die von der Weisheit gesät, still für die Ewigkeit blüh'n.
Unsterblich lebt er fort im Andenken und Herzen seines Volks, als sein Nationalsänger im ausschließlichen Sinne des Wortes, und wer wollte die Wirkungen ermessen, die aus der von ihm gestreuten Saat hervorgegangen sind und bis in die fernste Zukunft noch hervorgehen werden? Man pflegt in unsrer Zeit die großen nationalen Errungenschaften den großen Männern der Tat allein zuzuschreiben und den Idealismus unserer Denker und Dichter wohl gar für eine Macht zu halten, die die Willens- und Tatkraft der Deutschen nur gelähmt und sie im Wettkampfe mit den anderen Völkern aufgehalten habe. Mit Unrecht! Hat doch gerade der größte unter allen deutschen Männern der Tat immer und immer wieder hingewiesen auf jene Imponderabilien, ohne welche das Wollen und Streben auch des größten Staatsmannes erfolglos bleiben müsse, jene verborgen in der Volksseele wirkenden Kräfte, durch die die weltgeschichtlichen Taten allmählich vorbereitet werden, bis die Zeit der Reife gekommen ist.
„Alles Menschliche muß erst werden und wachsen und reifen, Und von Gestalt zu Gestalt führt es die bildende Zeit.“
Als eine solche Vorbereitung aber hat Schiller selbst auch die in seinem Zeitalter vor- herrschende Richtung auf die ideale Welt betrachtet. In der Gewibheit, daß, wer den Geist bilde, notwendig siegen müsse, blickte er aus der traurigen Gegenwart froher in der Zukunft hoffnungs- reiche Ferne und kündete in einem erst in neuerer Zeit bekannt gewordenen Entwurfe zu einem großen Gedichte die künftige Größe seines Vaterlandes prophetisch voraus. Und gerade er hat unter jenen Denkern und Dichtern das meiste dazu beigetragen, dem Volke die sittliche Kraft und hohe Gesinnung einzuhauchen zum Kampfe um die höchsten nationalen Güter. Wie in der Zeit der Freiheitskriege seine allbekannten, zur Vaterlandsliebe und zum freudigen Opfermut für die nationale Ehre mahnenden Worte aus dem Tell und der Jungfrau von Orleans zu nationalen Wahlsprüchen geworden waren, so hat das nachfolgende Geschlecht ihn als den Bannerträger seiner noch unerfüllten politischen Ideale, Einheit und Freiheit, betrachtet, und die vor 46 Jahren in allen deutschen Gauen mit gleicher Begeisterung begangene Feier der hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages war, wie die heutige, ein erhebendes Zeugnis, wie dankbar sich das Volk seines Wertes bewußt ist.
Aber wir dürfen uns nicht verhehlen, daß es heut, im Zeitalter der Umwertung aller Werte, auch einzelne Kreise gibt, die diese Pepeiskepun nicht teilen, und es kann nicht ausbleiben, daß diejenigen von Euch, die nun bald über die Schwelle der Schule hinausschreiten werden in die ersehnte akademische Freiheit, auch mit solchen Kreisen in Berührung kommen und ihrem Einfluß ausgesetzt werden. Einer von Schillers Biographen bekennt, daß er als Primaner ein Schiller- schwärmer, als Student ein Schillerverächter und erst als gereifter Mann wieder ein Schiller- verehrer geworden sei. Diese sich öfters wiederholende Erfahrung drängt mich, noch ein ernstes Mahnwort an Sie zu richten. Sie wissen, was Schiller in der Abhandlung über naive und senti- mentalische Dichtung über den Unterschied von Wert und Würde sagt, und können schon aus dem heutigen Sprachgebrauch, der das Wort„würdigen“ durch das neu aufgekommene„werten“ fast ganz verdrängt hat, auf eine sinkende Bewegung des deutschen Idealismus schließen. In der Tat Sehen wir, wie einerseits in den Kreisen der oberen Zehntausend die Neigung zu einer Lebens- auffassung um sich greift, die weit davon entfernt ist, das schönste Glück in des Herzens heilig stillen Räumen zu suchen, und wie andrerseits ehrgeizige Volksaufwiegler den unteren Schichten alles Hohe und Heilige, was die Dichter preisen, als ein leeres, nur zur Niederhaltung ihrer


