Jahrgang 
1906
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schule, wo die Zöglinge wie Drahtpuppen behandelt wurden, die strengen Strafen, die ihn bedrohten, wenn er in der Stille der Nacht verstohlen andere geistige Nahrung suchte, als sie die Schule ihm bot, der herrische Wille seines Landesherrn, in dessen schrankenloser Willkür sein und seiner Familie Schicksal lag und der ihm einen seiner Neigung widerstrebenden Beruf aufzwang: das alles schien eher geeignet, seine dichterische Anlage im Keime zu ersticken als zur Entfaltung zu bringen. Und als trotz solchen Drucks sein Dichtergenius sich zu jenem großen Erstlingswerk empor- gerungen hatte, da trat ihm wiederum das Schicksal drohend entgegen in Gestalt seines allmäch- tigen Landesherrn, der ihm bei Kassation und Festungsstrafe das Dichten ein für allemal verbot. Um auch diese Kette zu brechen, warf er sich mit der kühnen Flucht aus Stuttgart einem unsicheren, stürmischen Schicksal entgegen, voll Not und Sorgen und Entbehrung. Die Schulden, in die er sich stürzen mußte, um seine von allen Verlegern abgelehnten Erstlingswerke drucken zu lassen, schleppte er als eine immer wachsende Last nach sich. Flüchtig irrte er von Ort zu Ort, nirgends hafteten die unsichern Sohlen, und mit ihm spielten Wolken und Winde. Und als er endlich nach wildem Sturm im sichern Port angelanat, als die Schranken der Knechtschaft und Not durchbrochen waren und sein Pegasus, des Joches ledig, die Schwingen zum ungehemmten Fluge in die blauen Höhen entfaltete, da streckte wiederum die unerbittliche Parze die Hand nach ihm aus und warf ihn auf das Schmerzenslager jener tückischen Krankheit, die in immer erneuten Anfällen seine Lebenskraft in der Blüte der Jahre unaufhaltsam zerstörte. Aber weder die Schmerzen noch die Gewißheit des nahen Todes konnten den Geist des willensstarken Dulders aufhalten, gewaltig fortzuschreiten ins Ewige des Guten, Wahren, Schönen. Ja, er hat, gedrängt von dem Bewußtsein der kurzen ihm noch beschiedenen Lebensdauer, auch in dieser Leidenszeit sogar die Nächte oft durchwacht, um in angestrengter Geistesarbeit von der großen Schuld der Zeiten Minuten, Tage, Jahre zu streichen, und, was am bewunderungswürdigsten ist, gerade seine größten und vollendetsten Werke geschrieben, während schon der Todesengel, die Fackel senkend, an seiner Seite stand.

Und wie er im Kampfe mit den Schicksalsmächten durch der Tugend Gewalt selber die Parze bezwang, so war er auch innerlich sein eigner Bildner und Schöpfer.

Weit entfernt von jener Leichtigkeit des Schaffens, die er an Goethe mit den Worten rühmte: Er brauchte nur leise am Baume zu schütteln, um sich die schönsten Früchte, reif und schwer, zufallen zu lassen, war sein eigenes dichterisches Schaffen ein beharrliches Ringen um die, vollkommenste Form der Verkörperung der Gedanken in Bild und Wort, so daß manchmal, wie beimDon Carlos oder denKünstlern in der letzten Gestalt die ursprüngliche kaum noch zu erkennen war.

Aber das war es nicht allein, worin sein unermüdlicher Vollkommenheitsdrang sich betätigte. Kein noch so großes Talent. so sagt er selbst,kann dem einzelnen Kunstwerk verleihen, was dem Schöpfer desselben gebricht, und Mängel, die aus dieser Quelle entspringen, kann selbst die Feile nicht wegnehmen. Seine Individualität so sehr als möglich zu veredeln, zur reinsten, herr- lichsten Menschheit hinaufzuläutern, das ist des Dichters erstes und wichtigstes Werk, che er es unternehmen darf, die Vortrefflichen zu rühren. Und diesem Ideal hat er unablässig nachgestrebt. Er erkannte das Unreife, das maßlos Leidenschaftliche und UÜberschwengliche in seinen Jugend- werken. Darum rang er in fortgesetzter Selbsterziehung gegen den inneren Sturm und Drang nach Läuterung seiner Seele, bis sie dem glatten See glich, in dem ihr Antlitz alle Gestirne weiden.

Und nicht nur durch Klärung seines Gemütes, sondern auch durch Bereicherung seines Geistes an bedeutendem Gehalt suchte er sich unermüdlich dem ihm vorschwebenden Ideale eines Dichters zu nähern. Ich führe wiederum seine eignen Worte an:Was Prfahrung und Vernunft an Schätzen für die Menschheit aufhäuften, muß Fruchtbarkeit und Leben gewinnen in der Dichtung schöpferischer Hand. Die Sitten, den Charakter, die ganze Weisheit ihrer Zeit muß sie, geläutert und veredelt, in ihrem Spiegel sammeln und mit idealisierender Kunst aus dem Jahrhundert selbst ein Muster für das Jahrhundert erschaffen. Das aber setzt voraus, daß sie selbst in keine anderen, als in reife und gebildete Hände falle. Und in dieser Erkenntnis faßte er, als er schon ein berühmter Dichter geworden war und auf der eingeschlagenen Bahn leicht zu weiteren Erfolgen hätte gelangen können, jenenherkulischen Entschluß, die Vergangenheit nachzuholen und den edlen Wettlauf zum höchsten Ziele von vorne anzufangen, d. h. seiner Kunst auf Jahre zu entsagen, um erst in angestrengter wissenschaftlicher Arbeit den tiefsten Bildungsgehalt seines Zeitalters in sich aufzunehmen und dann jene an die Künstler gerichtete Mahnung zu erfüllen:

Erhebet euch mit kühnem Flügel Hoch über euren Zeitenlauf!

Fern dämmre schon in eurem Spiegel Das kommende Jahrhundert auf!

Wir haben aber in seinen Briefen und Gedichten auch Spuren, die darauf weisen, unter wie schweren inneren Kämpfen sich sein Entwicklungsgang vollzog.

Wie Luther um den rechten Weg zur Seligkeit, so rang auch Schiller in bittern Zweifeln um den Sieg der von der Angst des Irdischen erlösenden idealen Weltanschauung über jene nüchtern verstandesmäßige, die er in der ersten Strophe des GedichtesPoesie des Lebens andeutet und die ihm, der im Zeitalter der Aufklärung aufgewachsen war und als junger Mediziner