Jahrgang 
1906
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Immer blieb sein Herz von dem gleichen Drange erfüllt, mit seiner Dichtung vor allem die Wirkung zu erreichen, die er in demMädchen aus der Fremde mit den Worten preist:Beseligend war ihre Nähe und alle Herzen wurden weit, und daß er in dem Bewußtsein, durch sein Dichten auch nur einige Menschenherzen erfreut und beseligt zu haben, den schönsten Lohn seines Dichterberufs sah, dafür gibt es wohl kein rührenderes Zeugnis als jene Worte, die er nach Empfang der ihm von fernen, unbekannten Verehrern zugegangenen Huldigung an seine mütterliche Freundin, Frau- von Wolzogen, schrieb:Ein solches Geschenk ist mir größere Belohnung als der laute Zusammenruf der Welt,... und wenn ich denke, daß in der Welt vielleicht mehr solche Zirkel sind, die mich unbekannt lieben, daß vielleicht in hundert und mehr Jahren, wenn mein Staub schon längst verweht ist, man mein Andenken segnet, dann freue ich mich meines Dichterberufs und versöhne mich mit Gott und meinem oft schweren Verhängnis.

Ein anderer Zug seines Wesens, der sich schon früh in seiner Kindheit offenbarte, war der Drang, sich geistig über die Welt des Staubes zu erheben. Wir erkennen ihn an den tiefen Eindrücken, die er an den beiden einzigen Stätten empfing, wo schon dem Kinde der Blick in eine ideale Welt sich auftut, in der Kirche und im Theater.Es war ein erfreulicher Anblick, so berichtet seine Schwester Christophine,den Ausdruck der Andacht auf seinem kindlichen Gesicht, zu sehen. Seine frommen blauen Augen zum Himmel gerichtet, das rötlich gelbe Haar, das seine Stirn ummalte, und die kleinen, mit Inbrunst gefalteten Hände gaben ihm ein himmlisches Ansehn, man mußte ihn lieben....Er fing auch zu Hause oft selbst zu predigen an, stieg auf einen Stuhl und ließ sich von seiner Schwester ihre schwarze Schürze statt dem Kirchenrock umhängen. Dann mußte alles um ihn herum still sein und ihm andächtig zuhören. Ebenso lebhaft war der Eindruck der ersten Theateraufführungen, die er nach der Ubersiedelung der Familie nach Ludwigsburg sah. Bald veranstaltete er selbst in dem Garten des Hauses mit anderen Kindern hestra ische Aufführungen, verteilte die Rollen und fühlte sich mit Würde als kleiner Theater-

irektor.

Zugleich mit jenem Drange, sich auf den Flügeln seiner Phantasie über die Alltagswelt zu erheben, zeigten sich schon früh bei ihm Spuren von jenem Seelenadel, auf den die Goetheschen Worte weisen:

Und hinter ihm in wesenlosem Scheine Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine

von jener Größe der Gesinnung, mit der er später alle Widerwärtigkeiten des Schicksals und alle niedrigen Anfeindungen, wie sie ihm unter anderem in Mannheim von gehässigen Neidern bereitet wurden, so bewunderungswürdig ertrug. Wie groß er als Knabe schon dachte, beweist sein Verhalten, als er einmal von einem Lehrer unschuldig mit Schlägen gezüchtigt worden war. Nach erkanntem Irrtum entschuldigte sich der Lehrer bei Schillers Vater, aber der unschuldig Gestrafte hatte von dem Vorfalle zu Hause gar nichts erzählt und antwortete auf die Frage nach dem Grunde seines Schweigens gelassen, er habe gedacht, der Lehrer habe es doch gut gemeint. Wer erkennte nicht schon in diesem Zuge jene Seelengröße des gereiften Mannes, vor der selbst einer seiner Widersacher bewundernd ausruft:Dieser heilige Mann! Wann hätte er nur in einem Verse das persönliche Leiden seines Lebens berührt? Immer hat das Schicksal Beftnoht, und immer hat Schiller gesegnet! Zahlreich sind die Zeugnisse seiner Freunde über diesen Charakterzug, dessen veredelnden Einfiuß sie an sich selbst verspürten. Ihm war, wie Goethe sagte, die Christus- tendenz angeboren, er berührte nichts Gemeines, ohne es zu veredeln. Und von diesem Drange, zu erheben und zu veredeln, war auch sein ganzes Dichten getragen. Kunst war ihm nach einem Ausspruch in einem an Körner gerichteten Briefe nichts anderes als ein Mittel, wodurch eine Seele besserer Art sich anderen versinnlicht, sie zu sich emporhebt, den Keim des Großen und Guten in ihnen erweckt, kurz alles adelt, was sich ihr nähert. Was aber war das Höchste und Größte, was ihn unsterblich gemacht hat?

Suchst du das Höchste, das Größte? Die Pflanze kann es dich lehren. Was sie willenlos ist, sei du es wollend das ist's.

In diesem Sinnspruch hat er selbst auf die Seelenkraft hingewiesen, auf der vor allem die Größe seiner Persönlichkeit beruht. Den Menschen macht sein Wille groß und klein.Der Wille. so sagt er am Anfang seiner Abhandlung über das Erhabene,ist der Geschlechtscharakter des Menschen. Alle anderen Dinge müssen, der Mensch ist das Wesen, welches will. Und wenn es etwas gibt, was alle Zweifel des Verstandes über die Freiheit oder Notwendigkeit des menschlichen ollens und Handels bannen und das Herz mit der inneren Gewißheit jener Wahrheit erfüllen kann, die Schiller in den Worten verkündet:

Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, Und würd' er in Ketten geboren!

so ist 483 Sein eigener Lebensgang, den man mit Recht unter seinen Werken das größte genannt hat. In Ketten war Plelehsam auch sein Dichtergenius geboren. Im vollsten Gegensatz zu Goethes küchchom Entwicklungsgang schienen Fedhen ihn alle Lehensverhältnisse wie verschworen. Die leine, enge Welt, die ihn in seiner Kindheit umgab, die KArmlichkeit und schlichte Bildung der Familie, die seinem Geiste nur geringe Anregung geben konnte, die spartanische Zucht der Militär-