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Quartett fand Gelegenheit, zu zeigen, welche herrlichen Schöpfungen unſere großen Tondichter gerade in der Kammermuſik hervorgebracht haben; es wurde gemütlich im Seminar. Das war auch nötig.
Das neue Schulgeſetz beſtimmte eine kleinere Kinderzahl in den Klaſſen als bisher, Lehrer fehlten, mehr Zöglinge mußten aufgenommen werden, große Seminarklaſſen wurden geteilt in 2, eine ſogar in 3 Abteilungen. 1878/80 waren im Seminar 318 Zöglinge, eine große Arbeit für Direktor und TLehrer, die bis zu 30 Stunden wöchentlich herangezogen wurden. Die Vermehrung der Klaſſen erforderte neue Lehrkräfte. Die Namen alle möchte ich hier nicht aufzählen. Es waren viele; in den Seminarprogrammen ſtehen ſie verzeichnet. Erſt mit Errichtung des Alzeyer Seminars im Herbſt 1880 traten wieder normale Verhältniſſe im Frieèberger Seminar ein.
Mit dem Eintritt von Direktor Schäfer bekam ich nach und nach andere Fächer, zuerſt Orthographie und Kopfrechnen. Wer die Kopfrechenſtunde mitgemacht hat, dem wird es ge⸗ gangen ſein wie mir; ich war fertig nach ſolcher Stunde. Damals rechnete man noch mit Karolin, Gulden, Kreuzer, Groſchen, Batzen, Kopfſtück; mit Malter, Simmer, Virnſel; mit Stück, Zulaſt, Orhoft, Ohm, Maß, Schoppen; mit FJuß, Joll, Tinie; mit Pfund, Tot. Wie iſt das jetzt alles anders geworden und wie leicht und einfach; nur muß man das Komma richtig ſetzen. Was haben meine Seminariſten ſo flott im Kopf gerechnet mit Prozenten; Gewinn⸗, YVerluſt⸗, Zinsaufgaben. Das war eine LTuſt; nur ſchade, daß die Beſoldungen, obgleich in die Höhe gegangen, nicht ſo waren, daß man viel Geld auf Zinſen legen konnte. Als Beiſpiel will ich mich anführen. Meine erſte Beſoldung von 350 fl.= 600 M. ging raſch in die Höhe. Bei meiner definitiven Anſtellung 1874 war der Gehalt 875 fl.= 1500 M. Kurze Zeit danach verlangte der Rechner der Civildiener⸗Witwenkaſſe als Eintrittsgeld 320 fl.= 548,60 M. und als jährlichen Beitrag 68,60 M., zuſammen alſo mehr als 600 M. Es war dabei ver⸗ merkt:„Kann dieſe Summe nicht auf einmal und ſofort entrichtet werden, dann müſſen wir Ihren Gehalt geſetzlich ſo lange einbehalten laſſen, bis die ganze Schuld getilgt iſt.“ Das war ein ſcharfer Pfeffer, der hatte gebiſſen. Natürlich mußte das Väterchen in Partenheim herhalten; denn 5 Monate ohne Geld in Friedberg zu leben, das ging auch in früherer Zeit nicht.
1878/79 zählte die Anterklaſſe 138 Schüler, anfänglich 2 Abteilungen IIla= 66; IlIb= 72. Hilfslehrer Linker und ich— wir 2 jungen— hatten Deutſch in dieſen Abteilungen. Bis tief in die Nacht haben wir geſeſſen und 6 Dutzend Hefte korrigiert, bekanntlich keine angenehme Arbeit. Glücklicherweiſe wurden im Herbſt aus Klaſſe II!= 3 Abteilungen gemacht; nunmehr konnte man aufatmen. Meine Fächer waren jetzt: Pädagogik, Mathematik, Deutſch und Geographie. Vieles mußte ich erſt lernen, ehe ich's lehrte. Die Forderungen waren viel höher als früher. Aber es hat mir YVergnügen bereitet, und ich ſah, den Seminariſten machte es Freude. Mit Disziplin hatte ich keine Schwierigkeit. Man muß ſeinen Anterricht nur ſo einzurichten ſuchen, daß der Schüler keine Zeit findet, Dummheiten zu machen. War der analytiſche Gang in Geometrie und Algebra zu ſchwer, wählte ich den ſynthetiſchen oder wechſelte mit beiden ab. Gingen die abſtrakten Begriffe zu ſchwer ein bei manchen, nahm ich Hölzchen, Stäbchen, Pappe und ſtellte Flächen und Körper dar. Alles das mußten die Seminariſten außer der Stunde ſelbſt machen. Das war ein Stückchen Werkunterricht. Aehnlich arbeiteten die Tehrer im natur⸗ kundlichen und phyſikaliſchen Anterricht: Dr. Heid, Muth, Direktor Dr. Quentell, Dr. Frenzel, Dr. Schäfer, der ſogar ein praktiſches Büchlein über Anfertigung von Modellen und Apparaten herausgegeben hat. So viel ich weiß, ſtand von 1891 an ein Raum im Seminar für den Hanoͤ⸗ fertigkeitsunterricht zur Verfügung. Das Prinzip des Werkunterrichts hielten wir ſeit 1871 hoch. Dieſer Anterricht iſt alſo nicht neu. Man lieſt hie und da jetzt oft im Anſchluß an den Werkunterricht, man fange erſt jetzt an, ſich um die Seele des Kindes zu kümmern. Das iſt ein großer Irrtum. Der phyſiologiſche Unterbau der Pädagogik iſt doch keine moderne Er⸗ findung! Man muß nur einmal in die Geſchichte der Pädagogik hineinſchauen. Peſtalozzis können wir nicht alle ſein; aber vom peſtalozziſchen Geiſt, denke ich, ſteckt doch in jedem von uns ſo ein bißchen. Zwar bin ich kein allzugroßer Freund davon, den Schülern alles ſo leicht wie möglich zu machen. Junge TLeute im Seminar müſſen angehalten werden, ſelbſtändig zu arbeiten, auch an Schwerem ſich zu verſuchen. Denken muß man, und dann nicht viel ſchwätzen, ſondern tun.
Wie herrlich war es im Felozug 1870/7] franzöſiſch— wenn auch nur leidlich— zu verſtehen und zu ſprechen! Wie viel Unbill hab ich durch mein Dazwiſchentreten und durch die darauf erfolgte Verſtändigung verhütet. Von einem Tehrer erwartete man damals, daß er franzöfiſch verſtehen und ſprechen konnte. Zurückgekommen Juli 1871 vom Militär, empfand


