-— 13—
ich es daher als einen großen Mißſtand, daß im Seminar keine fremde Sprache gelehrt wurde. Mit Kollegen ſprach ich wiederholt darüber; es wollte nicht gehen; die damaligen Seminar⸗ verhältniſſe lähmten jede Vorwärtsbewegung. Nachdem Direktor Schäfer eingetreten war, rührte ich die Sache wieder an. Die Seminariſten äußerten denſelben Wunſch. Die neu eingetretenen Tehrer Kirchner und Schwarz waren ſehr dafür. Wir drei erboten uns, den Anterricht freiwillig zu übernehmen, außerſtundenplanmäßig, ohne jede YVergütung. Das Anerbieten fand Anklang. Drei⸗ bis viermal wöchentlich wurde im erſten Winter abenoͤs franzöſiſcher Anterricht erteilt. Ich dachte, iſt er einmal da, drückt ihn keiner mehr weg. Es war freigeſtellt, wer am Anterricht teil nehmen wollte. Tieb war es mir nicht, daß nicht alle Schüler daran teilnehmen mußten; aber ein Anfang war gemacht.
Das Seminar ſchloß gewöhnlich mit einer Prüfung ab. Anfangs waren die Prüfungen durchaus öffentlich. Unter Oberſchulrat Greim, der die Prüfungen abhielt, trat eine Aenderung ein: erſt geheime Prüfung an 3 Cagen, dann am 4. Tag vormittags im Turnſaal eine öffent⸗ liche in einigen FJächern. In der geheimen Prüfung wurde uns Tehrern vor den Schülern das Prüfungsthema angegeben. Es war eigentlich eine Prüfung der Tehrer. Vielleicht wollte der Kommiſſär ſehen, ob wir ſattelfeſt wären. Man gewöhnt ſich auch bald an ſo eine Prüfung und regt ſich nicht mehr auf. An dieſe geheime Prüfung ſchloß ſich die öffentliche. Die Tehrer durften ſich da das Chema wählen. Was hat man ſeitens der Lehrer draußen gegen die öffent⸗ lichen Prüfungen und gegen die Kreisſchulkommiſſionsprüfungen geſprochen und geſchrieben. Ich konnte den Ausführungen nicht zuſtimmen. Im Kreiſe Frieèͤberg hatte ich als Inſpektor die Meinung, jeder ſtrebſame tüchtige Lehrer freut ſich auf eine ſolche Prüfung; er konnte doch ein⸗ mal auch Teuten aus der Gemeinde zeigen, was er in aller Stille und Beſcheidenheit gearbeitet hatte. Das Anſehen des Tehrers konnte dadurch nur gehoben werden; und vieles habe ich ge⸗ legentlich der Prüfungen für die Lehrer durchgeſetzt, was ſonſt nicht oder ſehr ſchwer zu erreichen war. Sollte es im Seminar nicht ähnlich ſein? Die Mutteranſtalt konnte zeigen, daß ſie ſich den veränderten Zeitverhältniſſen angepaßt hatte, daß ſie vorangegangen war, daß ſie auf der Höhe ſtand. Im Ausſtellungsſaal hingen an den Wänden prachtvolle Schülerzeichnungen; auf den Tiſchen lagen Modelle, Apparate und andere Handsfertigkeitsarbeiten der Seminariſten; auch Schriftproben verſchiedener Art. Im Turnſaal war nachmittags die Hauptfeier— der ſoge⸗ nannte Aktus. Wer von den Tehrern im Tande kommen konnteo, erſchien, um zu ſehen, was die Mutteranſtalt, an der doch viele mit Tiebe hingen, machte, wie ſie ſich entwickelt habe und was ſie jetzt leiſte. Die Anſprachen, die da gehalten, die Quartette von den Tehrern des Seminars und ganz beſonders die prachtvoll vorgeführten Chöre unter der ſicheren Leitung und Führung unſeres Muſikdirektors Schmièt, ein Muſter zur Nachahmung für die anweſenden Tehrer aus Staôt und Tand, die doch zum Teil Geſangsdirigenten waren; dann das begeiſterte Publikum! Es war ein Feſt⸗, ein Feiertag für Friedberg und Amgebung jedesmal— ein Tag, der ſeine ſegensreiche Wirkung weithin verbreitete. Verſchwunden iſt nun dieſe ſchöne Einrichtung; ich bedauere es ſehr; doch ich bin bei Jahren, und die Alten, denen der Tebenswinter ins Haar geſchneit hat, verſtehen nicht mehr recht die neue freie Zeit mit der ſeligen Hoffnung und dem feſten Glauben an einen herrlichen Frühling der Menſchheit.
Während alles ſo ſchön ging und klappte im Seminar, ſtarben raſch hintereinander zwei Kollegen, die zum feſten Stamm gehörten: Wahl und Tink. In der Chronik des Seminar⸗ programms von 18ss iſt ausführlich darüber geſchrieben; darum hier nur einige Andeutungen.
Wahl kam vom Tande, das iſt die Kraftreſerve unſeres Beamtenſtandes. Ober⸗Ohmen war ſein Geburtsdörfchen. Dort iſt er an einem Kirchweihmontag geboren, daher ſo heiter und humoriſtiſch in ſeinem Leben. Am Seminar wirkte er 44 Jahre. Wir Seminariſten von 1867 und 1868 hielten ihn für den wichtigſten Mann an der Anſtalt. Hatten wir etwas, ging's zu Wahl; freundlich, liebenswürdig, heiter hat er uns immer empfangen; mit köſtlichem Humor iſt er auf unſere Gebreſten eingegangen. In ſeiner Schulkundeſtunde gab er uns ſo nebenbei aus ſeiner reichen Lebenserfahrung viele Verhaltungsmaßregeln. Als Junge vom Tand erfuhr er ganz gewiß, was wir vom Tande alle mehr oder weniger erfahren, wie linkiſch ſich mancher draußen im Teben benimmt und ungewollt Fehler macht, die von vielen Menſchen als Anbildung aus⸗ gelegt werden, während es doch nur Anbeholfenheit oder Schüchternheit iſt. Davor wollte er uns bewahren. Ein guter Menſch iſt mit ihm dahingegangen. Wir Seminariſten hatten ihn gern und wir Seminar⸗Kollegen erſt recht.
Link ſtammte aus Naſſau. Er konnte ſich nicht leicht in die heſſiſchen Verhältniſſe, die ganz anders waren als die in Naſſau, finden, auch nicht leicht die Seminariſten verſtehen. Er


