Aufsatz 
Ansprache, gehalten bei der Schlußfeier des Lehrerseminars Friedberg, am Mittwoch, dem 23. Februar 1927
Entstehung
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war ein Künſtler und muß als ſolcher beurteilt werden. Ich habe jahrelang mit ihm QOuartett geſpielt in den engen Räumen des Seminars und auch in der Oeffentlichkekt. Da zeigte er ſich ſtets als ein lieber Kollege, der ſeine Muſik durch und durch verſtand. Es war hochintereſſant, wenn er uns 3 Mitſpielenden im Quartett den Aufbau eines neuen Tonſtücks darlegte. Von ſeinen Kompoſitionen gefällt mir ſein Klaviertrio am beſten. Es iſt an einem glücklichen hei⸗ teren Tag geboren, es hat Schwung und iſt ſchön und klar aufgebaut, allein meines Erachtens ein bißchen zu lang.

Auguſt 1895 kam ich weg vom Seminar. Mehr als ¼ Jahrhundert wirkte ich mit Freuden daran. Ich habe zur Genüge erfahren: Leben im Beruf iſt Kampf, und Kampf iſt Teben. Teben heißt arbeiten; dabei muß man aber denken und tun. Ja, denken und tun das iſt, wie ich in einer Kreislehrer⸗Konferenz näher ausführte, die Summe aller Schulweisheit, auch die im Seminar. Wer in ſeiner Schularbeit das Denken am Tun und das Tun am Denken prüft, der wird ſelten irren, der erzieht in jedem Zeitalter ob ruhige, ob bewegte, ob ſehr bewegte Zeit aktive oder, wie man ſich neuzeitlich ausdrückt, produktive Menſchen. VYieles davon habe ich erlebt. Angenehmes und Anangenehmes, Freud und TLeid haben ge⸗ wechſelt; ſo iſt's im Menſchen⸗ wie auch im Berufsleben. Bei manchem Alten, den die Tebens⸗ ſtürme geſchüttelt haben, werden, wenn er meine Andeutungen lieſt oder davon hört, ſchöne Erinnerungen aus längſt vergangener Zeit aufſteigen; ein Stückchen ſorgloſer, fröhlicher, ſeliger, goldner Jugendzeit leuchtet ihm ganz gewiß aus ferner Vergangenheit herüber und macht ihn auf kurze Zeit wieder jung; vielleicht erinnert er ſich dabei auch mancher unſchuldigen Streiche, die dem Hilfs⸗ oder Seminarlehrer entgangen ſind. Soll mir lieb ſein, wenn er zu ſeiner Freude recht viele findet; auch ich weiß noch recht viele.

Eine nicht kleine Zahl von Tehrern hat ſich durch Arbeit und Ausdauer, zuweilen auch durch große Opfer und Entbehrung in hohe Stellungen geſchwungen und dort in großem Segen und mit Auszeichnung gewirkt. Einem Tüchtigen war auch vor 1918 die Bahn frei, wenn auch etwas ſchwerer als jetzt vielleicht; kämpfen mit ſeiner ganzen Kraft muß auch heute jeder, der vorwärts kommen will. Ich wünſche, daß auch die neu geſchaffene Anſtalt, die jetzt in die Räume des Seminars eingezogen iſt, nach 110 Jahren auf ebenſo ſchöne Reſultate zurückblicken kann wie das zu Grabe getragene Seminar.

Friedberg, 1927.