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den Kaſten und ſagte:„Schlaf nunmehr in ſüßer Ruhe“. Nicht lange danach konnte man ihm dieſelben Worte nachrufen.
Von 1868 bis 1924 habe ich mit wenig Anterbrechungen mit Schmidt geſpielt. Kreisarzt Dr. Lorenz, ein ausgezeichneter Celliſt, ſammelte in ſeinem Hauſe die muſikaliſchen Kräfte von Friedberg. Auswärtige Künſtler kamen oft(beſonders Violinſpieler). Wer im näheren Be⸗ kanntenkreiſe muſikaliſch war, hatte Zutritt. Fehlte eine Mittelſtimme, traten Schmidt und ich mit Violine oder Viola ein. Fehlte der erſte Geiger, ſo nahm einer von uns beiden die 1. Violine. Wir ſpielten dann unter uns; anfangs regelmäßig in einem abgeſonderten Zimmer einer Gaſt⸗ wirtſchaft, dann in der Wohnung von Dr. Lorenz, ſpäter, als Link für TChurn kam(Thurn war für Trio⸗ und Ouartettſpiel nicht zu haben) auf dem ſchönen und neuen Flügel im Seminar. Jetzt ſpielten wir, weil Link ein ſehr guter Klavierſpieler war, daneben auch ein ausgezeichnetes Verſtändnis für Muſik hatte, Klaviertrios und ⸗quartette; nach Tink's Cod ſpielten wir wieder bei Torenz und nach deſſen Coò meiſt bei Schmidt bis 1924, manchmal auch bei Kreisarzt Dr. Uebel, der wie Lorenz Cello ſpielt und wie dieſer in anerkennenswerter, dankbarer Weiſe die muſikaliſchen Kräfte Friedbergs in ſeinem Hauſe vereint. So hat Schmidt, der in ſeinem Streben von Direktor Schäfer ſehr unterſtützt und gefördert wurde, für Muſik gelebt, gewirkt und viel geopfert. Bekannt und anerkannt iſt ſeine Wirkſamkeit im Geſang am Seminar und im Muſikverein, in deſſen Konzerten muſikaliſche Seminariſten zuweilen mitſpielen und mit⸗ ſingen durften.
Die Vorbereitung zu meinen Muſikſtunden nahm nicht allzuviel Zeit in Anſpruch. Ich konnte für mich privatim arbeiten und dadurch, wenn auch leider ſpät, ſo doch energiſch das Loch in meiner Bildung etwas zu ſtopfen verſuchen. Ich nahm franzöſiſche Stunden bei der Franzöſin am Zinſerſchen Mädchen⸗Inſtitut(Noiré), nahm engliſche Stunden bei der Englän⸗ derin am Wernerſchen Mädchen⸗Inſtitut(Lutherland); dafür gab ich dort einige Stunden in Geſang, Titeratur und Rechnen. Den ganzen Tag bis tief in die Uacht hinein hatte ich zu tun. Meine Seminariſten im Schlafhauſe waren ſo liebenswürdig, mich nicht ſo viel in Anſpruch zu nehmen.
Das Jahr 1870 kam und warf alle Pläne über Bord. Im Seminarhof ſtanden die Schleifſteine. Säbel wurden geſchliffen, Bajonette geſpitzt. In den unteren Zimmern des Schlaf⸗ hauſes kleideten ſich die Soldaten um. Ich wurde erſt ſpäter einberufen.
Als ich vom Militär zurückkam, merkte ich, daß die Harmonie im Lehrer⸗Kollegium getrübt war. Ich hielt mich fern unds ging nur meiner Pflicht nach. Die Diſſonanzen warfen jedoch ihre trüben Schatten auf die Schlafhausbewohner. Einiges habe ich ja gelegentlich früher er⸗ wähnt. Doch es ging noch vorerſt. Mehr Bildung! rief es jetzt allenthalben, die Schule muß gehoben, die Klaſſenſtärke heruntergeſetzt, die Tehrerbeſoldung erhöht werden. Die Volksſeele war aufgerüttelt. Man glaubte vielfach, durch Einführung vieler Bücher, beſonders Leitfäden, in den Schulen raſcher, ſicherer und leichter zum Ziel zu kommen. Das war ein Irrtum. Glücklicherweiſe dauerte es nicht allzulange, bis die Teitfadenkrankheit überwunden war. Eine größere Schüleraufnahme im Seminar wurde als nötig befunden, Lehrpläne für die Volksſchulen kamen in Vorbereitung, ein neues Schulgeſetz leuchtete in nicht allzuweiter Ferne. Auch im Seminar fühlte man das Bedürfnis, ſich über Ziel, Stoff und Methode der einzelnen Unter⸗ richtsgegenſtände auszuſprechen. Wöchentlich kamen wir im Winter einmal zuſammen; ich hörte die ausführlichen Referate mit den anſchließenden Beſprechungen. Jeder konnte einmal in den Lehrbetrieb des anderen hineinſchauen. Es war für mich äußerſt intereſſant und lehrreich. Leider brachen dieſe Arbeiten bald ab. Die Anſtimmigkeiten im Kollegium griffen um ſich; eine außergewöhnliche Viſitation fand Februar 1873 ſtatt, und die Folge: bedeutende Perſonal⸗ veränderungen. Direktor Steinberger kam April 1873 nach Alzey, Stamm nach Gießen, Soldan nach Worms. Marr ging ſpäter nach Frankfurt; mit ihm verlor das Seminar eine tüchtige Perſönlichkeit. Neue Lehrer kamen. Realſchuldirektor Schäfer von Alsfeld wurde April 1873 Seminaroͤirektor, ein energiſcher, zielbewußter Mann, dabei eine liebenswürdige, lebenſchaffende Perſönlichkeit. Er hatte ſich aus einfachen beſcheidenen Verhältniſſen durch tatkräftiges Arbeiten vom Schulverwalter einer einklaſſigen Schule im Odenwald zum Reallehrer in Michelſtadt, dann zum Realſchuldirektor in Alsfeld und jetzt zum Seminardirektor in Friedberg aufgeſchwungen. Leichte, angenehme Arbeit fand er nicht vor. Der pädagogiſche Unterricht bekam ein ganz anderes Geſicht, namentlich durch Heranziehung der Geſchichte der Pädagogik, Lehrbuch von Schumann wurde eingeführt, abendliche Konferenzen mit den Schülern der I. Klaſſe abgehalten. Durch Yeranſtaltung von Seminar⸗Familienabenden kamen ſich die Familien näher. Unſer Seminar⸗


