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ſtand ſenkrecht auf den durſtigen Lippen,— ein Bild, das ich in einer Geometrieſtunde anführen konnte, um ohne Werkunterricht anſchaulich darzuſtellen, wie ein Lot auf einer Ebene zu ſtehen hat.
1874 ging es in den Odenwald, den Scriba ſo ſchön und wahr beſungen hat. Anſere Erwartungen wurden übertroffen. Ein wunderſchönes Stückchen Deutſchland mit herrlichen Wäldern, ſchöner Ausſicht und prächtigen gaſtfreien Menſchen! Wer denkt nicht an das faſt endloſe Dörfchen Ober⸗Moſſau, wo wir zum erſtenmal ſo vortrefflich übernachteten.
Leider ſind ſolche 3 oder 4tägigen Reiſen ſpäter nicht mehr in dieſem Umfang gemacht worden. Die Schülerzahl war zu groß. Jedoch kleinere Reiſen wurden von einzelnen Lehrern unternommen; auch machte Tehrer Gatzert, unſer praktiſcher, reiſegewandter Kollege, Reiſen außer Deutſchland mit einer kleinen Zahl Seminariſten und Lehrern; er wußte als geübter Rechner es ſo einzurichten, daß die Reiſe ein nicht allzu großes Toch in der Geldtaſche zurückließ. Die⸗ jenigen, die mit waren, ſind heute noch begeiſtert für ihren Reiſemarſchall. Und wenn er dann ſeine Reiſeerlebniſſe in ſchön ausgearbeiteten Vorträgen im Volksbildungsverein zum Beſten derer, die ſich an dieſen Couren nicht beteiligen konnten, erzählt mit Benutzung von Lichtbildern, ſo freuen ſich alle, die zuhören, und ſie machen die intereſſante Reiſe im Geiſte mit.
Tängere Ausflüge oder, wie ſie ſpäter hießen,„Turnfahrten“ haben einen großen päda⸗ gogiſchen Wert. Man lernt das Volk kennen, wenn man Augen und Ohren offen hält. In viele Stämme iſt unſer Volk geteilt, dieſe haben ihre Eigenheiten. Drum iſt die Volkskunde ſo wichtig; ſie ermöglicht uns, einen tiefen Einblick in die Volkseigenart zu tun. Aur durch ſie können wir die Grundkräfte des Volkslebens verſtehen. Dieſe Kräfte kommen zum Ausdruck in der Sprache, in dem Glauben und in der Sitte. Drum iſt die Volkskunde als Mittel der Volksbildung ſtark zu betonen, vielleicht mehr wie manches, was heute unſere Schule, namentlich die Tanoͤſchulen, ſo viel in Anſpruch nimmt; allein auch techniſche Kinderkrankheiten müſſen durchgemacht werden.
Im Winter wurden in den Räumen des Seminars große Abendunterhaltungen mit den Seminariſten veranſtaltet. Die Familien der Tehrer und eingeladene Gäſte nahmen daran teil. Muſik⸗ und Titeraturlehrer bekamen viel Arbeit. Klavier⸗ und Violinſpiel, Einzel⸗ und Chor⸗ geſang, Deklamationen, beſonders Dialektdichtungen, humoriſtiſche Darſtellungen in bunter Reihe kamen vor. Man lernte manchen Seminariſten ganz anders beurteilen; er ging aus ſich heraus, gab ſich, wie er iſt, nicht, wie er ſein will oder ſein muß. Für Seminariſtenbehandlung konnte man aus den ſchönen YVeranſtaltungen vieles lernen. Dieſe Einrichtungen haben ſich, wie ich hörte, auch weiter erhalten. Es iſt ja nicht zu verkennen, daß ſolche Anterhaltungen Mühe und Sorge bereiten; allein ſie waren dazumal und ſie bleiben auch fernerhin ein höchſt wirkſames Mittel zur Beförderung eines gemütlichen Anſtaltslebens. Jeder Tehrer erinnerte ſich nach Jahren noch mit Freuden an dieſe ſchönen und genußreichen Abende.
c) And nun einiges vom Anterricht im Seminar. Als Hilfslehrer für Muſik war ich zu⸗ nächſt an die beiden Muſiklehrer TChurn und Schmidot gewieſen. Thurn gab mir die Kompo⸗ ſitionslehre von Marx. Bald merkte ich, das Komponieren kann man nicht lernen; ein Kom⸗ poniſt wird geboren, alſo weg damit. Mit Schmidt ſtand ich ſchon als Seminariſt ſehr gut; er war ein leutſeliger Mann, offen, geradeaus; das achteten wir Seminariſten ſehr; er erlaubte mir, in ſeiner Abweſenheit auf ſeinem Klavier zu ſpielen. Schmidt, Soldan I und Kreisarzt Dr. Torenz(Nachfolger von Dr. Müller ſeit 1867) ſpielten im Zimmer von Schmidt(Nr. 2 im Schlafhaus) Trios von Hayèn und Mozart. Solche Muſik war mir neu. Ich durfte zuhören und, wenn Soldan fehlte, die Klavierpartie übernehmen. Da zum Uuartettſpiel Viola nötig war, lernte ich raſch Viola ſpielen. Das erſte Conſtück, das ich mit Schmidt 1868 ſpielte, war das Bratſchentrio von Mozart. Soldan war am Klavier. Ich erwähne das nur, weil es auch — Schmidt's Wunſch gemäß— das letzte war, das ich 1924— alſo nach 56 Jahren— noch⸗ mals mit ihm ſpielte. Es iſt ihm wohl ergangen, wie es oft bejahrten, gottbegnadeten Muſik⸗ freunden und ⸗lehrern ergeht: ſie hören gar zu gern, ehe ſie in das große ewige Schweigen ein⸗ treten, die ſchönen alten Muſikſtücke wieder, die in ihre weitzurückliegende, ſorgloſe Jugend hinein⸗ klangen. Sein muſikaliſches Gehör hatte infolge ſeines hohen Alters abgenommen; da ließ er das Violinſpiel ſein; das vor vielen Jahren zuſammengeſpielte Trio ſollte den Abſchluß bilden. Sein Sohn— Prof. Dr. Schmidt an der hieſigen Auguſtinerſchule, ein ganz hervorragender Klavierſpieler, der durch Aufführung der Schüler⸗Konzerte außerordentlich ſegensreich auf den muſikaliſchen Geſchmack und das muſikaliſche Verſtändnis in Frieôberg wirkt— übernahm die Klavierpartie. Nachdem wir fertig waren, betrachtete Schmidt ſeine Geige, legte ſie ſachte in


