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Da lag der Schießer auf dem Bett, Bruſt offen, auf der rechten Seite eine Stelle ſchwarz, Revolver neben auf dem Stuhl. Ich betrachtete mir die mit ſchwarzer Kreide recht dick be⸗ ſtrichene Stelle, von Verwundung keine Spur. Da wurde ich erregt, nahm den Revolver, be⸗ nutzte ihn als Stock und ſagte nur zu den in großer Zahl daſtehenden Seminariſten:„Wir werden ihn bald wieder lebendig haben.“ Beim 2. Hieb ſprang er ſchon auf. Den Revolver nahm ich an mich und gab ihn ſpäter dem Vater. T. wurde ausgewieſen.
b) Aur drei Einrichtungen und Veranſtaltungen im Seminar ſeien erwähnt, die dazu bei⸗ trugen, den Aufenthalt daſelbſt gemütlicher zu geſtalten. Der Koſtwirt Ockel wollte bald ab⸗ gehen; für ihn ſollte in kurzer Zeit Gaſtwirt Weil in der Nähe des früheren Bahnhofes eintreten. Das Lokal lag etwas weit weg vom Seminar. Da mußte ſchon vorher dafür geſorgt werden, eine Einrichtung zu treffen, damit die Schlafhausbewohner morgens früh doch etwas Warmes zu ſich nehmen konnten. Auch der Kreisarzt Dr. Lorenz, der 1867 auf Kreisarzt Dr. Müller folgte, war ſehr dafür. Mein Vorſchlag, die beiden Räume neben der Waſchküche zu einer Kaffeeküche herzurichten, fand Beifall. Stamm, dem das Wohl der Seminariſten am Herzen lag und der hier kräftig mithalf, wußte gleich eine Frau, die für dieſen Poſten geeignet war. Göckus hieß ſie. Die Kaffeeküche trat ins Leben. Ich hielt auf Anregung von Dr. Torenz Larauf, daß jeder Seminariſt vor Anterrichtsbeginn morgens 1 Taſſe Milch oder 1 Täßchen Kaffee trank. Gefreut habe ich mich, als dieſe Einrichtung ſo trefflich einſchlug. Da ſaßen die Seminariſten morgens vor Schulbeginn, tranken ihr Täßchen, aßen 1 oder 2 Brötchen dazu und ſchwätzten untereinander in ihrem Dialekt; Frau Göckus beſorgte auch für viele die Wäſche und anderes mehr. Es war urgemütlich. Wie lange dieſe Einrichtung dauerte, weiß ich nicht. Solange ich im Internat wohnte, 1879, war ſie.
Eine weitere Veranſtaltung im Seminar waren die großen Ausflüge mit den Seminariſten. Da wir damals Schüler aus den 3 Provinzen hatten, ſo galt es, einmal dieſe Provinzen zu beſuchen. Wer denkt nicht mit Freuden an die Cour in den Vogelsberg 1871. Der Starken⸗ burger und der Rheinheſſe haben wohl zu ihrem Erſtaunen geſehen, daß dort nicht nur Luft und Gegend ſchön ſind, ſondern daß man auch dort ſehr gut bewirtet wird. Ich denke an die ſchönen und gemütlichen Stunden in Tangé und Gedern.
1873 ging es an den Rhein. O, ſelige, erinnerungsreiche Zeit! Deutſchlands Strom zu ſehen, das war ein außergewöhnlicher Genuß. Ich hebe nur heraus: Dampferfahrt, Niederwald, Fahrt mit Nachen über den Rhein von Rüdesheim nach Bingen. Ich denke an die gaſtfreie Aufnahme in Genſingen, wo der dortige Lehrer es ſich zur Ehre rechnete, Lehrer und Schüler in den Bürgerhäuſern glänzend unterzubringen. Der Beſuch der Wirtſchaft in Boſenheim wurde damals und ſpäter viel beſprochen; jetzt klingt's noch bei Zuſammenkünften der Tehrer aus dieſer Zeit nach. Kurz ſei es hier angegeben. Nach einem Marſch von einigen Stunden kamen wir recht durſtig in Boſenheim an, einem empfehlenswerten Weinörtchen. Im Wirtshaus, das als ſehr gut bekannt war, kehrten wir ein. Aur das alte Großmütterchen war zu Hauſe und ganz aus dem„Häuschen“, als plötzlich weit mehr als 100 Durſtige einrückten und die inneren Räume, den Hof, die Scheune und den großen Garten belegten. Als Rheinheſſe, der die Eigen⸗ art der Leute kennt, wußte ich ſofort Rat. Ich fragte gleich nach dem Kellerſchlüſſel. Im Keller lagen 5 Stück Wein nebeneinander. Von denen ſollte ich auswählen. Oben oroͤnete ich an, daß 2 Mädchen aus der Nachbarſchaft geholt wurden, die die Gläſer und Becher ſchwenkten und den Wein, den ich aus dem Keller hinaufſchickte, einſchenkten und verabreichten. Das Abholen beſorgten die Seminariſten. Mit 2 rheinheſſiſchen Seminariſten gings raſch an die Weinprobe. Das beſte Faß fanden wir bald. Jetzt den Heber gereinigt, ins Faß geſteckt, angezogen und der gologelbe Wein floß hell und ſchön in die bereitſtehenden Stützen. Dieſe gingen oft nach oben an den Schenktiſch, wo das alte Mütterchen ſtand und immer nach ihrem Sohn jammerte. Ich hatte gleich einen Jungen nach ihm geſchickt; er war im Feld. Auch wurde der Wurſt⸗, Butter⸗ und Käſeſchrank geöffnet uns gehörig geplündert. Bei den rheinheſſiſchen Mädchen ging alles flink und tadellos von ſtatten. Kurz darauf kam der Sohn; er— gleich in den Keller, wo ich noch zu tun hatte.„De Dunnerkeil“ ſagte er,„Sie haben ja das beſte Faß gefunden.“„Freut mich“, ſagte ich;„nur von dem wird weiter getrunken, von keinem andern.“ Als ich aus dem Keller kam nach oben, war alles beſorgt und alle in gehobener Stimmung. Der Wein war ausgezeichnet und hat uns nichts geſchadet, er hat uns nur heiter geſtimmt. Viele nahmen noch ein Feloͤfläſchchen mit auf den Marſch nach„der Gans“ und der „Ebernburg“. Dort angekommen— es war wunderſchönes Wetter— lagerten wir uns. Tachen mußte ich, als ich das Tager überſchaute. VYiele lagen auf dem Rücken, und das Fläſchchen


