Aufsatz 
Ansprache, gehalten bei der Schlußfeier des Lehrerseminars Friedberg, am Mittwoch, dem 23. Februar 1927
Entstehung
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S

Kranken gleich aufſuchte, in jeder Weiſe für ſie ſorgte, verſtand ſich von ſelbſt. War das Wachen nötig, traten die dafür beſtimmten Krankenwärter unter den Seminariſten ein. Ich ſtellte mich ſelber oft für Stunden, beſonders nachts, zur Verfügung, damit die Krankenaufſeher ſchlafen konnten. Später kamen die ſchwer Kranken ſofort in das hieſige Bürgerhoſpital. Gerade am Krankenbett habe ich in das Innere manches Menſchen hineingeblickt, was mir ſonſt nicht möglich geweſen wäre; denn um die Tage eines Geneſenden ſchaukeln und gaukeln lieb⸗ licher und leichter alle Träume, die der Menſchen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ver⸗ binden. Das war ein Stückchen praktiſcher Pädagogik, das gab Vertrauen; unmerklich übertrug es ſich auch auf die Geſunden, ſo daß ich mit einem gewiſſen Stolz ſagen konnte, es ſind meine Seminariſten. War ich auch zuweilen ſtreng vielleicht wäre es gar nicht nötig ge⸗ weſen ſo fühlte doch jeder, er meint's gut mit uns und ſie gehorchten.

Wenn 100 und mehr junge Leute unter einem Dach wohnen, kommt manches vor, was einem Aufſichtsmann nicht gefällt. Doch muß man und das iſt nicht leicht, merkte ich unterſcheiden zwiſchen Böswilligkeit und überſprudelnder Kraft. Gegen das erſte heißt es, beide Augen und Ohren offen halten; gegen das zweite drückt man ein Auge oder beide Augen zu; ich behandelte es gewöhnlich, als ich etwas Erfahrung darin hatte, humoriſtiſch ganz kurz; nur nicht viele Worte machen, das verdirbt alles. Ich habe erfahren, wie richtig es iſt, was uns ſchon die alten Griechen geſagt haben: Menſchen zu verſtehen, iſt ſchwerer, als ſie zu richten. Geſtraft habe ich kaum; ich kann mich nur eines Falles erinnern. Vielleicht irre ich mich auch; man hat nämlich für unangenehme Vorkommniſſe aus der Yergangenheit einſchwernots korz Gedächtnis.

Junge Teute zeigen gern an; vielleicht wollte ſich auch einer oder der andere angenehm machen, einrot Röckchen verdienen. Einmal iſt mir's vorgekommen und nie wieder. Vielleicht war die Behandlung der Sache ſchuld daran. Nach mehr als 40 Jahren ſehe ich den Be⸗ treffenden zum erſtenmal wieder bei einer YVerſammlung in Frieoberg. Die Sache war mir entfallen. Er erzählte mir das Vorkommnis und dankte mir, daß ich ihn dazumal ſo kurz und ſcharf abgewieſen hatte. Es ſei kurz hier erwähnt: Kommt einer nach Nr. 17 und zeigt etwas gegen ſeinen Mitſchüler an. Ich ließ ihn ausreden und ſagte kurz:Es iſt mir leid, daß Sie bei mir ſolches über Ihren Klaſſenkameraden vorgebracht haben. Solches tun Sie nie wieder. Man muß behalten Sie ſich den Satz nie etwas tun, was man ſpäter zu bereuen hat; alſo ich habe nichts von Ihnen gehört, guten Morgen. Er ging gedrückt fort.

Als ich 1871 vom Militär zurückkam meine Stelle wurde während meiner Abweſenheit, ſoviel wie möglich, von den andern Tehrern verſehen ließ die Oroͤnung im Schlafhaus viel zu wünſchen übrig. Viele Seminariſten waren nach Schlafhausſchluß abenoͤs nicht da, kamen erſt ſpät in der Nacht nach Hauſe. Direktor Steinberger ſagte mir gleich:Sie werden viel Arbeit finden; Oroͤnung und Zucht ſind arg geſchwunden. Er hatte nur allzu recht. Die Mahnungen des Direktors waren ohne Erfolg. Da ſchlug ich andere Mittel vor. Der Direktor war ein gutmütiger Mann und infolge beſonderer Seminarverhältniſſe in ſeinen Handlungen etwas ängſtlich, auch für neue Ideen nicht raſch zugänglich; er wies mich an einen Kollegen. Ach nein, ſagte ich,da helfe ich mir ſelber, und ich hoffe, Sie unterſtützen mich, wenn es nötig ſein ſollte. Und ich half mir. Wie das möchte ich nicht mitteilen. Allein die, die in der betreffenden Zeit im Seminar gelebt haben, werden, wenn ſie vielleicht dieſe Zeilen leſen oder davon hören, ſich herzlich auslachen. Auch die Geſpenſter, die ſich damals um 12 Uhr nachts meldeten, waren in einigen Tagen verſchwunden und ſtörten die fleißigen, müden Seminariſten nicht mehr im Schlaf. Ja, das Aemtchen eines Hilfslehrers war ungemein ſchwer; es gehört eigentlich nicht ein junger Menſch, der mit den Zöglingen gleichalterig iſt, dahin, ſondern ein Mann von pädagogiſchem Wiſſen und reifer Erfahrung. Ich mußte erſt alles lernen und habe ich geſtehe es offen manchen Vahler gemacht. Ob es meinen Aachfolgern beſſer ergangen iſt, weiß ich nicht.

Als die Zahl der Zöglinge immer größer wurde, kamen nicht wenige, recht ſchwer zu be⸗ handelnde Seminariſten ins Internat. Kur von einem ſei kurz etwas erzählt. Der Vorfall wurde damals viel beſprochen. Der junge Mann gefiel ſich darin, recht viel Aufſehens von ſich zu machen; er war ein überſpannter Jüngling. Zureden half nichts, ja, es beſtärkte ihn noch mehr in ſeinem Vorhaben. Er kaufte ſich einen Revolver. Davon wußten weder Hilfslehrer Linker, der auch im Internat wohnte, noch ich etwas. Abenos 10 Uhr fiel ein Schuß im Haus. Ich hörte es, machte die Türe auf, um zu ſehen, was geſchehen ſei. Da kam ſchon ein Seminariſt gelaufen und rief:C. hat ſich erſchoſſen! Ich gleich mit Tinker in das betreffende Zimmer.