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wir doch in den 2 Seminarjahren erlebt an Leid und Freud, Angenehmes und Anangenehmes. Werden wir uns wiederſehen?
Die Ruhe dauerte bei mir nicht lange. Das Dekret kam nach 10 Tagen; das Seminar begann; ich reiſte wieder ab einem arbeitsreichen Feld entgegen; ein verantwortungsvolles Leben ſetzte ein, ſchwerer, aber auch ſchöner, als ich es mir dachte.
II. (Lehrer am Seminar 1860—095).
Die Erlebniſſe und Beobachtungen als Tehrer ſind ſo umfangreich, daß ich vom Stoff, ſoweit er mir noch im Gedächtnis haftet, faſt erdrückt werde. Deshalb will ich nur einiges aus⸗ wählen und zwar zunächſt a) aus meinem Teben als Hilfslehrer und Teiter des Internats; dann b) einiges erwähnen von beſonderen Yeranſtaltungen im Seminar; zum Schluß c) manches aus meiner Wirkſamkeit als Seminarlehrer; es betrifft die Zeit von 1869—1895; ſie verteilt ſich: 1. Hilfslehrer von 69—74, 2. Seminarlehrer unter Belaſſung in der Kategorie der Volksſchul⸗ lehrer von 74—76, 3. Seminarlehrer mit den Rechten eines Zivilbeamten von 76—95. Von dem Teben im Seminar will ich erzählen, von den Menſchen, die darinnen gelebt, geſtrebt, ge⸗ kämpft haben. Eine große Freude wirdè es mir ſein, wenn ein ſtiller Glanz dieſer Tage wär⸗ mend und erhellend in das Innere manches alten TLehrers fällt. Hoffentlich findet er noch recht viele, die ihre Irrtümer ohne Groll belächeln, und die ſich ihrer guten Taten und Gedanken wie ſtill getaner Pflicht freuen können.
a) In meinem erſten Dekret machten mich 3 Ausdrücke bedenklich: Hilfslehrer für Muſik, proviſoriſch, 350 fl. Ich lief nicht gleich nach Darmſtadt, wie das eben ſo beliebt iſt, wäre gewiß dort bös angelaufen, dachte, du haſt eine Stelle, nicht gemuckſt, hingegangen; auf die Dauer bleibſt du auch kein prov. Hilfslehrer für Muſik. So gute, dicke Muſiknerven wie Schmidt hatte ich nämlich nicht. Nichts als Muſik den ganzen Tag— das hielt ich nicht aus. Kam Schmidt heim in ſein Zimmer Nr. 2 im Schlafhaus, ſo hörte er das Orgelgewimmer der kleinen alten Orgel, die neben ſeinem Zimmer ſtand. Dort übten die Zweitkläſſer, und mancher vergaß, ehe er anfing zu üben, auf die Vorzeichen zu achten, auch überſah er oft Taktſtriche und Punkte hinter den Noten, ſo daß Schmidt oft herüberkam und rief:„Haben Sie denn keine Ohren?“ Ohren hatte der wohl, ſogar 2; allein er hörte nichts. In meinen Gedanken rückwärts fiel mir die Antwort eines vom Nillitär ſeinerzeit heimgekehrten Soldaten ein, den fragte ich als 14jäh⸗ riger Junge, ob er beim Militär befördert worden wäre. Gewiß, ſagte er, ich wurde proviſo⸗ riſcher Vizegefreiter. Der Titel war mir fremd. Was iſt denn das, fragte ich. Die Antwort lautete:„Ein prov. Vizegefreiter hat die Arbeit und Verantwortung eines Anteroffiziers, aber im Anſehen und Sold iſt er ein ganz gewöhnlicher Soldat“. Sollte es bei einem prov. Hilfs⸗ lehrer nicht gerade ſo ſein!! Als ich meine Stelle antrat, waren die Am⸗ und Neubauten im Seminar noch lange nicht fertig geſtellt. Alle Schüler, auch die beiden Hilfslehrer Soldan und Schmidt, wohnten in der Stadt, ich auch. Tängere Zeit danach konnten die Räume bezogen werden. Soldan und Schmidt, die inzwiſchen Seminarlehrer geworden, blieben in der Stadt. Die Schüler und ich, wir kamen ins neue Schlafhaus; mein Zimmer war Nr. 17, lange die Zentrale im Haus, auch für meine Nachfolger. In jedem Zimmer ſtand jetzt ein Ofen; in dem unteren Stock waren die Arbeitszimmer, ausgeſtattet mit Tiſchen und Stühlen, in den beiden oberen Stöcken die Schlafräume, in denen die Betten und früheren Bänkchen ſtanden. Kurze Zeit danach wurden auch die unteren Räume belegt, ſo daß es keine abgeſonderten Schlaf⸗ und Arbeitszimmer gab.
Ueber Geſunde, Kranke, über das Dienſtperſonal, über Oroͤnung, Reinlichkeit und ſo vieles andere hatte ich jetzt außer meinen Anterrichtsſtunden die Aufſicht. Wahrlich keine leichte Arbeit für einen jungen Menſchen von 19 Jahren, dem jede Erfahrung in all dieſen Dingen fehlte. Doch es ging beſſer, als ich dachte. Ohne Anſtand folgten die, mit denen ich„Du“ ſprach. Als früherer Saalaufſeher in Klaſſe I war ich eine wichtige Perſon, weil die Saalaufſeher aus Klaſſe II und IIl damals bei mir Rats einholten. Mit den„Neuen“ mußte erſt das gegenſeitige VYertrauensverhältnis hergeſtellt werden. So raſch erfolgte das nicht, namentlich bei denen nicht, die ſich morgens ſchwer von der Bettdecke trennen konnten und beſtändig alles erſt ſuchen mußten. Menſchen an Oroͤnung, Pünktlichkeit und Sauberkeit zu gewöhnen, iſt nicht leicht.
War jemand krank, bekam ich's gleich gemeldet. Der Kranke kam ſofort in die im oberen Stock dafür vorgeſehene Krankenabteilung. Ich beſorgte den Arzt, machte, daß die Krankenkoſt richtig und zeitig zur Stelle war und die Arznei pünktlich eingenommen wurde. Daß ich die


