Aufsatz 
Ansprache, gehalten bei der Schlußfeier des Lehrerseminars Friedberg, am Mittwoch, dem 23. Februar 1927
Entstehung
Einzelbild herunterladen

e

in der l. Klaſſe Titeratur, Bibelkunde, Aufſatz. Marr, ein fleißiger, tüchtiger, methodiſch ge⸗ ſchickter Tehrer, unterrichtete Geſchichte, Geographie. Soldan II(ſpäter Oberſchulrat) erteilte Phyſik und Chemie.Leben kam in die Bude. Geſchafft mußte werden und tüchtig; wir wurden gehörig drangenommen; es tat auch not, wir wußten noch viel zu wenig.

Da im Schlafhaus kein Platz zum Arbeiten war, arbeitete man in den Tehrſälen; auf den Vorplätzen dazu ſtanden ja auch unſere verſchließbaren Pulte. Im Winter waren abenos von 79 Arbeitsſtunden angeſetzt. Zuweilen kam auch der Wochenlehrer und ſah nach. Der Saalaufſeher hatte die Aufſicht. Wir haben uns ſelbſt regiert; es ging ganz gut; jeder mußte ſchaffen, da hörte das Geſchwätz auf. Für viele reichte die Abendzeit zur gründlichen Vor⸗ bereitung nicht aus; da hieß es: morgens vor Schulbeginn(vor 7 Uhr) im Winter heraus. Ach, wie gings ſo raſch aus dem Bett, flink mit der Waſchſchüſſel in die Küche, oft erſt die Eisdecke auf den Bütten eingeſchlagen, gewaſchen und fort. So ganz ſauber wurden wir nicht; das geſtehe ich; es war aber auch zuweilen gar zu kalt; dann in den Arbeitsſaal. Aus unſerer Klaſſe waren jeden Wintermorgen ſchon lange vor 6 Uhr 2025 im Saal und arbeiteten. Am Schluß der abendlichen Arveitsſtunden warf abwechſelnd einer von uns einen dicken Klotz (Braunkohlen) in den großen Kachelofen, die Kohle glühte morgens. Wer morgens zuerſt kam, legte 23 Scheite Holz drauf; im NUu brannte das Feuer, und es wurde gleich warm im Saal. Leicht iſt uns die Arbeit im Seminar nicht geworden. Ohne Opfer gibt es auch keine Freude und keinen Gewinn. Um ¾¼7 raſch Kaffee getrunken; um 7 Uhr waren wir bei der Hand.

Jetzt hörten wir ſchöne, fein ausgearbeitete Geſchichts⸗ und Geographievorträge von Marx; dann kurz abgefragt, vortragen laſſen, Bücher empfohten, Andrä, Daniel und andere gekauft, Karten aufgehaͤngt, ſelber angeſchafft(Wagner), Phantaſiereiſen gemacht. Im Aufſatz(Stamm) hörten die Nachbildungen auf. Freie Themen kurz beſprochen kamen. Das war eine große Amwälzung. Stitiſtik jetzt Hauptſache. Wir hörten von der Stiliſtik des einfachen und des zuſammengeſetzten Satzes, vom proſaiſchen und poetiſchen Stil. Anſere großen Dichter und Denker kamen in der Titeraturſtunde zu Ehren; Beiſpiele aus ihren Werken wurden geleſen und beſprochen(Klopſtock, Teſſing, Schiller, Goethe). Orthographie hatten wir ſo ziemlich überwunden. In Pyyſik und Chemie(Soldan ll) entwickelte ſich für uns eine ganz neue Welt. Da wußte man, warum man im Seminar war. Anterrichtsübungen bekamen die Fachlehrer. Dieſe wohnten den Proben bei. Scharf ging es her. Die allzugroße Gemütlichkeit und das Selbſt⸗ kritiſieren waren weg. Sämtliche Klaſſen der Stadtſchule ſtanden uns nachmittags von 3 bis 4 Ahr zur Verfügung.

Wie im Innern ſo waren auch im Aeußern bedeutende Aenderungen im Gange. Das Schlafhaus wurde gründlich erneuert und der Manſardenſtock durch einen gradwandigen erſetzt, außerdem dieſer Bau durch einen dreiſtöckigen Anbau nach Norden hin um etwa 1 verlängert. Nachdem wir aus den Cyphusferien zurückgekommen waren, wohnten wir in der Stadt. Wer keine Koſt bei ſeinen Hausleuten bekommen konnte, bei Ockel und ſpäter bei Gärtner weiter.

So rückte die Abgangsprüfung heran. Von der Oberſtudiendirektion(ein Candesamt für das Bildungsweſen gab es damals noch nicht) kamen 2 Yertreter. Die Prüfungen waren öffent⸗ lich. Hefte, Zeichnungen, Probeblätter lagen auf. Acht Cage vorher bekam ich eine ſchwere Halsentzündung, ſodaß ich mit knapper Not die Prüfung mitmachen konnte. Alle beſtanden, In der Abſchiedsrede des Direktors hörten wir, daß das Seminar nur die Anregung gegeben. die eigentliche Arbeit finge im Beruf erſt an. Er hatte ſehr recht. Ich hab's gründlich erfahren und gewiß viele mit mir.

Staatliche Verwendung iſt ſo hieß es vorerſt ausgeſchloſſen; aus der vorigen Klaſſe waren erſt einige verwendet; Privatverwendung würde, ſo viel wie möglich, Wahl beſorgen. Das Seminar genoß durch den früheren Direktor und Pädagogen Curtman Ruf. Für mich hatte Wahl eine Stelle bei einem Grafen in Petersburg, für andere ebendaſelbſt oder in Moskau, Wien, Köln, Flensburg. Doch als ich Abſchied nahm, ſagte mir der Direktor, daß ich wahr⸗ ſcheinlich als Hilfslehrer ans Seminar käme. Da habe ich die Stelle in Rußland fahren laſſen; dieſe bekam ein anderer.

Hiermit ſchließt meine Seminariſtenzeit ab. Es war doch eine ſchöne Zeit, eine Zeit freudigen, harmoniſchen Strebens, unermüdlichen Vorwärtsringens nach dem Ziel, das uns geſteckt war. Fort ging es zu Fuß nunmehr in die Heimat: ab 1 Uhr nachts, an abends 6 Uhr; und zwar wir Rheinheſſen faſt alle, wie das manche von uns mit mir ſchon früher einmal gemacht hatten, über den Caunus nach Wiesbaden Biebrich, dann mit Uachen über den Rhein, dann wieder zu Fuß nach verſchiedenen Richtungen. Wehmütig trennten wir uns. Vieles hatten