Aufsatz 
Ansprache, gehalten bei der Schlußfeier des Lehrerseminars Friedberg, am Mittwoch, dem 23. Februar 1927
Entstehung
Einzelbild herunterladen

25

des Textes, 2. eèdle Tonbildung und reine Intonation, 3. richtige Gliederung der Melodie und ſinnvolle Atmung. Ich habe dies alles bei meinem Geſangunterricht an dem Zinſerſchen Mädchen⸗ inſtitut in Frieoberg befolgt und ſehr gut befunden. Für ſpätere Vereinsdirigenten, die doch viele von uns wurden, waren dieſe Geſichtspunkte ſehr wichtig; doch verſtanden wir junge Leute das damals zu wenig. Hilfslehrer Schmidt hatte Orgel in Klaſſe II, das geſamte Violinſpiel und Turnen. Wir turnten nach der alten Methode, wie ſie ſpäter Turninſpektor Marx in ſeinem Büchlein niedergelegt hat. Ich glaube, die neue Turnart ginge jetzt nicht mehr recht an uns. Auch Turnen will erlernt und erlebt ſein.

Gezeichnet wurde nach der Natur.

Taubſtummenunterricht war nur im Winter, wöchentlich! Stunde; er beſtand in einem Yortrag des Direktors der Anſtalt. Gefragt wurde niemand; ein Beſuch der Anſtalt fand nicht ſtatt. Gewundert habe ich mich deshalb über meine Note in dieſem Fach im Abgangszeugnis. Wir hatten, wie ich hörte, die gleiche Zenſur. Vielleicht wollte der Vortragende ſich ſelbſt dieſe Rote geben, ſie hieß: hinreichend. Anterrichtsübungen hatten wir wöchentlich vier. Im Seminar (Muſikgebäude heute) waren 2 Schulklaſſen untergebracht; 2 Tehrer der Stadtſchule unterrich⸗ teten daran, und die Schüler waren unſere Verſuchsobjekte. Die Uebungen ſtanden unter der Aufſicht von Wahl; manchmal zeigte er ſich; meiſt unterrichteten wir ohne Lehrer. Samstags war eine Stunde Schulkunde(Wahl) angeſetzt; da wurden die Lektionen beſprochen und neue für die folgende Woche gegeben. Methodiſche Winke wurden anſchließend an dieſe Beſprechungen von Wahl aufgeſtellt und niedergeſchrieben. Wer etwas lernen wollte, konnte lernen. Wahls köſtlicher Humor durchzog dieſe Stunde. Man wird heutigen Tages den damaligen Anterrichts⸗ betrieb an einer Tehrerbildungsanſtalt nicht verſtehen, ja kaum glauben können; wir leben jedoch jetzt in einer ganz anderen Zeit; zudem war unſere Seminarvorbereitung lange nicht ſo gut wie heute. Soziale, wirtſchaftliche und politiſche Verhältniſſe haben ſich ſeit 1867 ganz gewaltig geändert und damit die Menſchen, die Anſchauungen, die Anforderungen und vieles andere.

Der 2. November 1867 der 50jährige Gedächtnistag der Gründung des Seminars nahte heran. Dieſer ſollte großartig gefeiert werden. Umfangreiche Vorbereitungen waren im Gange. Da traten plötzlich Ereigniſſe ein, welche nicht nur die Vorbereitungen in beklagens⸗ werter Weiſe unterbrachen, ſondern auch die Feier vollſtändig unmöglich machten. Der Cyphus brach im Seminar aus. Die geſundheitlichen Verhältniſſe im Schlafhaus ließen viel zu wünſchen übrig, ganz beſonders die Abortverhältniſſe. In wenig Tagen lagen mehr als die Hälfte der Schüler am Cyphus darnieder. Der damalige Kreisarzt Dr. Müller verordnete Dickmilch. Auf jedem Bänkchen vor dem Bett ſtand ein Schälchen, gefüllt mit Chlorkalk. In unſerem Zimmer lagen 4 am Fieber; ich auch nicht in Ordnung ſollte ſie bedienen und pflegen; mit aller Kraft hielt ich mich aufrecht. Da ſehe ich morgens um 8 Uhr die Hilfslehrer Soldan und Schmidt mit einem jungen Mann eintreten; es war Dr. Weckerling(Geh. Mesdizinalrat jetzt hier). Er kam von der Aniverſität und war wahrſcheinlich gerufen worden. Er unterſuchte, fühlte auch meinen Puls und ſagte kurz: Die 4 kommen vorerſt in den großen Saal lein ſolcher war tagsvorher mit einer Anzahl Betten hergerichtet worden) und der da auf mich deutend macht, daß er heute noch weg kommt; morgen kann er nicht mehr reiſen. Am 11 Uhr am 11. Juli 1867 Seminarſchluß! Was irgendwie reiſen konnte, fort auf die Bahn und heim. Yiele Wochen vergingen, bis der Anterricht wieder beginnen konnte. Der Cyphus hatte Opfer gefordert, 3 liegen auf dem Friedhof in Friedberg begraben, 2 auf dem Friedhof der Heimat. Als wir wieder kamen(13. Oktober), fehlten, ſoweit ich mich erinnere, 10; einige waren ausgetreten. Jetzt hieß es, das Verſäumte nachholen; es begann eine ſtramme Arbeitszeit.

Die geplante Gedächtnisfeier fiel aus. Doch ſollte der Tag nicht ſo ſpurlos vorüber gehen. Am 2. November 1867 vormittags fand in engem Kreiſe eine einfache, würdige Ge⸗ dächtnisfeier in den Räumen des Seminars ſtatt, bei der Prof. Dr. Köhler eine wunderſchöne, ergreifende Rede hielt. Nachdem er in der Einleitung der 5 Yerſtorbenen gedacht, ſprach er über Aufgaben des Seminars in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Nachmittags war eine gemütliche Nachfeier von Tehrern und Schülern auf dem Teichhaus zu Bas⸗Nauheim.

Das 2. Seminarjahr bietet ein ganz anderes Bild. Der 3jährige Seminarkurſus trat ins Leben, Oſtern 1868. In unſerer Klaſſe blieben eine Anzahl ſitzen; dieſe und die beſſeren Schüler aus der Zahl der neu Aufgenommenen bildeten die Mittelkaſſe, der Reſt die Anterklaſſe.

Das Tehrerkollegium hatte ſich durch Errichtung der neuen Klaſſe vergrößert; Tehrer Roth trat in den Ruheſtand; ein ganz neuer Zug ging durch die Anſtalt Stamm, ein tüchtiger Mann, ein energiſcher, zielbewußter Theologe, eine Herrſchernatur ſondergleichen, bekam bei uns