Aufsatz 
Griechischer Unterricht auf homerischer Grundlage
Entstehung
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Wer sich über die theoretische Seite der Sache unterrichten will, lese die betreffenden Ab- handlungen von Ahrens, Hornemann und Agahd.

Homer ist nun gerade der geeignetste Autor, um mit sprachgeschichtlichem Hintergrund Griechisch zu lehren. Nirgends, die modernen Sprachen ausgenommen, kann man so tiefe und bequeme Einblicke in das Wesen der Sprache als sich entwickelnden Organismus tun, als hier. Und um es schon gleich jetzt hier zu sagen diese neue Art der Spracherlernung ist für den Schüler, der wie bei uns das Griechische als 15 jähriger Junge zu lernen anfängt, viel interessanter, als wenn er nun das Griechische nach derselben Methode des trockenen Form- einpaukens erlernen muss, wie er einst als 10 jähriger Junge das Latein erlernte, was freilich damals für sein Alter und seine Auffassungskraft das einzig Richtige war. Aber da erhebt sich die Frage: ist denn der 15 jährige schon reif genug, um historische Grammatik, wenn auch in ihrer einfachsten Form und in ihren gesicherten Ergebnissen, zu erfassen? Meiner Erfahrung in den zwei Schuljahren nach, wo ich Griechisch mit der fünften Klasse mit dem Agahdschen Lehrbuch anfing, zu schliessen, ist die Schwierigkeit nicht zu gross. Der erste Jahrgang, Schuljahr 1910/11, allerdings ein sebr guter Jahrgang, zeigte am Ende des Jahres einen guten Erfolg. Der zweite Jahrgang, Schuljahr 1911/12, der schwächer war, hatte am Ende des ersten Schuljahrs einen befriedigenden Erfolg, hat aber im zweiten griechischen Schuljahr 1912/13 solche Fortschritte gemacht, dass er jetzt, am Ende des Schuljahrs, was die Leistungen betrifft, dem vorhergehenden Jahrgang nicht mehr viel nachsteht.

Wie nun der Unterricht an der Hand des Agahdschen Lehrbuches sich gestaltet, mag an einigen Beispielen gezeigt werden. Das Buch zerfällt in zwei Teile, einen»Systematischen Vorkursus« und den mit der Lektüre Hand in Hand gehenden»Methodischen Kursus«. Den Vorkursus habe ich in 2 bis 2 ½ Monaten erledigt, d. i. von September bis in den November hinein. Er lässt zuerst an kleinen, dem später zu übersetzenden Text entnommenen Sätzchen nach der Sprach-Schreibmethode induktiv dem Schüler selbst die Buchstaben, Hauchzeichen, Akzente, Diphthonge sich aneignen; das Alphabet folgt nachher.

Dann werden die drei Deklinationen an Musterbeispielen erlernt; von der dritten Deklination vorerst nur die in der Flexion unverändert bleibenden Stämme.

Hier nun muss man, soll das Ganze nicht eine öde Formendrillerei werden, zu den einzelnen Formen, soweit es möglich ist, die Entgtehung klarmachen. Man stellt in der zweiten Deklination, mit der begonnen wird, fest, dass der Stamm eigentlich iza- ist, lässt den Nominativ durch das Nominativzeichen- entstehen. Der Genetiv in seinen drei homerischen Formen wird mittelst des vorhomerischen Genetivsuffixes aje erklärt:(igxoa)) Irrotno) lrree) lrre. Dabei hört der Schüler, dass der leichtern Aussprache wegen diese ganze Entwicklung sich vollzogen, lernt also eine der mächtigsten Ursachen für alle Sprachentwicklung kennen, hört, dass die Aussprache phonetisch aus der Kehle gegen die Lippen vorzurücken die Tendenz hat; er hört das griechische Lautgesetz, dass sigma zwischen zwei Vokalen ausfällt; er hört, dass ältere und jüngere Sprachformen im Homer sich vorfinden; einer der Schüler wird beauftragt, zu notieren, wieviel Genetivformen auf-olο, wie viele auf-o und-o in dem ersten Semester in der Lektüre sich vorfinden werden etc.

Beim Akkusativ hört er, dass irro-y entstanden ist aus dem Stamm und der indo- germanischen Akkusativendung-m; derselben Endung, die er in mensa-m, homine-m, derselben Endung, die sich selten auch Im Deutschen als-n findet. Dabei hört er den Begriff indo- germanisch und seine Erklärung, er lernt das griechische Lautgesetz über die möglichen griechischen Endkonsonanten-, 5,-s, demzufolge die Griechen aus wortendigendem indo-