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Wie man sieht, ist wirklich Homer die Grundlage dieses Lehrplans. Die beiden ersten Schuljahre füllt er ganz aus, und in den beiden letzten Monaten die Sommermonate von März bis Juni; für den attischen Dialekt bleiben in den zwei letzten Schuljahren die Wintermonate von September bis Februar inklusive reserviert. Die ausgiebige Lektüre guter deutscher UÜber- setzungen, die zusammenhängenden Vorträge des Lehrers, die von den Schülern gehaltenen Vorträge, an die sich manchmal ganz interessante Erörterungen anknüpften, ergänzen dann den in der griechischen Lektüre gegebenen Stoff, so dass der Abiturient das Gymnasium mit einem seinem Gesichtskreis entsprechenden Bild vom Wesen der Griechen, von ihrer Bedeutung fär uns verlassen kann. Der Vorteil dieses Lehrplans gegenüber dem frühern besteht meiner Meinung nach darin, dass der Schüler am Ende des zweiten griechischen Schuljahres schon 2000— 2500 Hexameter aus Homer übersetzt hat und den ganzen Homer inhaltlich durch die Lektüre, sachlich durch die Schülervorträge in der Hauptsache kennt. Den zweiten grossen Vorteil, dass der Schüler die Sprache, ihr Wesen von einer ganz neuen Seite ebenfalls binnen diesen zwei Jahren kennen lernt, will ich nachher darlegen. Auch erhält der Schüler in den folgenden zwei Jahren durch die mannigfachen Vorträge ein abgerundeteres Bild vom Griechentum als es früher geschah. Namentlich kann durch geeignete Auswahl der Lesestücke aus dem Wilamowitzschen Lesebuch dem Schüler gezeigt werden, wie die Griechen auch auf dem Gebiet der exakten Wissenschaften bahnbrechend für uns gedacht und gearbeitet haben, ein Zug, der bisher im Unterricht nie zur Geltung kam. Ich glaube, man hat bisher in der Auswahl der Lektüre zu einseitig die Historiker und Dichter bevorzugt. Man las in der sechsten Klasse Xenophon— sprachlich eine sehr passende Lektüre, da er zu den am leichtesten zu lesenden Schriftstellern gehört, inhaltlich aber, namentlich in der Anabasis, ledern und trocken. Dann kam Herodot— sprachlich wie sachlich zwar interessant, bietet er aber den Schülern nichts wesentlich Neues zu dem Bilde, das sie nicht schon im Geschichtsunterricht bekommen hätten, obgleich man im Herodot gewiss interessante Anknüpfungspunkte auch für viele andere Seiten der griechischen Kultur findet.
Als Einwand gegen den neuen Lehrplan habe ich hauptsächlich den einen gehört, dass mit Homer anzufangen, zu schwer sei, da die üppige Earmenfülle Homers die Bewältigung durch die Schüler unmöglich mache, während der geschlossenere, einfachere attische Dialekt sich für den Anfang besser eigene.
Aber die nähere Bekanntschaft mit dem Agahdschen Lehrbuch ist geeignet, diesen Einwand zu zerstreuen. Allerdings, um dieses Buch gebrauchen zu können, muss der Lehrer vorerst gründlich vergessen, wie er einmal als kleiner Junge Lateinisch mittelst Hauler oder Ostermann, oder Griechisch mittelst Wesener oder Kaegi gelernt und später als Lehrer gelehrt hat. Die Methode des Sprachunterrichts à la Ostermann oder Kaegi weckt in dem Schüler und wie mir vorkommt, manchmal auch in dem Lehrer die Vorstellung, dass die Grammatik, ihre Regeln, sozusagen das prius, die wirkliche Sprache aber, der gelesene Schriftsteller das posterius sei, das sich nach der Grammatik zu richten habe. Die Grammatik erscheint dem kleinèn, elf bis zwölfjährigen Lateinschüler als etwas Eisernes, Unbewegliches, Ungewordenes. Sie erscheint dem Schüler als viel wichtiger, als der Schriftsteller selbst. Manchmal gehts wohl auch dem Lehrer so. Der Gebrauch des Agahdschen Lehrbuchs setzt nun voraus, dass man dem Schüler die Sprache von einer ganz neuen Seite zeigt, als ein Gewordenes, sich Entwickelndes. Wer nach Agahd unterrichten will, muss dem Schüler in der entsprechenden, dem Auffassungs- vermögen des Schülers angepassten Weise die sprachgeschichtliche Entwicklung der Form, soweit dies möglich, geben, als eine Art zureichenden Grundes, möchte ich sagen, für die Form.
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