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Die Lehrer des Griechischen wissen, dass man die Sammlung solcher Sätzchen beliebig vergrössern kann.
Das zweite, ebenso schwerwiegende Bedenken gegen den obigen Lehrplan ist folgendes. Es wurde mit dem attischen Dialekt begonnen, derselbe drei Semester lang formal erlernt, im vierten Semester an ausgewählten Stücken aus Xenophon eingeübt. Im selben Semester sollte dann noch die homerisch-jonische Formenlehre erlernt und etwas Odyssee übersetzt werden.
Im dritten griechischen Schuljahr wurde dann ein Semester lang Homer gelesen, im zweiten Semester aber ein neuer Dialekt, der herodotisch-jonische behufs Herodotlektüre gelernt.
Im letzten griechischen Schuljahr kam dann wieder bei Plato und Sophokles der attische Dialekt an die Reihe, daneben oder darauf wieder der homerisch-jonische.
Ist eine solche Reihenfolge der Erlernung und Einübung der griechischen Dialekte— zuerst- attisch, dann homerfsch-jonisch, dann herodotisch-jonisch, dann wieder attisch und homerisch- jonisch— nicht recht unpraktisch? Namentlich, da die einzelnen Dialekte nicht genügend lange Zeit durch Lektüre in dem betreffenden Dialekt fest und ordentlich eingeübt werden konnten? Und dann die schwerwiegendere Frage: Ist es wissenschaftlich und pädagogisch richtig, mit dem jüngeren, dem attischen Dialekt, zu beginnen, und darauf die älteren lernen zu lassen, aus denen als sprachlicher Basis sich doch jener entwickelt hat und abzuleiten ist? Ist es nicht richtiger, logischer, die ältere Sprachstufe zur Basis des gesamten Unterrichts zu machen, so dass der Schüler in naturgemässer Weise, wenn er später den jüngeren Dialekt lernt, zugleich einen Einblick in Sprachentwicklung gewinnt und von der Sprache als einen fort- während sich entwickelnden Organismus, von den Gesetzen dieser Entwicklung eine richtige Vorstellung erhält?—
Um die knappe Zeit besser auszunützen; um dem eigentlichen Ziel des griechischen
Unterrichts— reichere Darbietung dessen, was man in letzter Zeit so gern das»Erbe der Altep- nennt— näher zu kommen; um endlich dem Schüler einen Einblick in die historische Entwicklung einer Sprache zu gewähren, wurde— versuchsweise— seit dem Schul-
jahr 1910/11 am hiesigen Gymnasium das Griechische vom Schreiber dieser Zeilen nach fol- gendem Lehrplan unterrichtet:
I. In der fünften Klasse(erstes griechisches Schuljahr). Lehrbuch: Agahd, Griechisches Elementarbuch aus Homer. Bewältigter Stoff: zirka 300 Hexameter aus dem neunten Buch der Odyssee. An diesem Text wurde folgender grammatischer Stoff erlernt: Die Deklination des Substantivs und Adjektivs. Die Personal-, Possessiv-, Relativ-, Interrogativ-, Demonstrativ- pronomina; letztere ausser abroc; das Indefinitpronomen. Die Konjugation der Verba auf-o und uh mit Ausnahme der Perfektsysteme; das Verbum eiui; aus der Syntax: Akkusativ der Beziehung; Realmodus, Potentialmodus, Irrealmodus, Finalmodus, Iterativmodus; Ortsbezeichnung durch einfache Kasus, mittelst angehängter Suffixe, mittelst Präpositionen, kurz gesagt, für den, der das Agahdsche Lehrbuch kennt, der gesamte Stoff bis zum§ 78 des methodischen Kursus.
Da das Griechische in der fünften Klasse nur fünfwöchentliche Unterrichtsstunden hat, ist es kaum möglich, den gesamten im Lehrbuch vorgesehenen Text(525 Hexameter) und den gesamten grammatischen Stoff zu bewältigen.
Ausserdem mussten die Schüler zu Hause die gesamte Odyssee in der Ubersetzung von Hans Georg Meyer(Schulausgabe) lesen; in der Schule wurde der Inhalt erzählt und besprochen, sodass die Schüler am Ende des Schuljahres den Inhalt der Odyssee beherrschten. Im Schuljahre 1910/11 wurden auch drei kleine Schülervorträge gehalten: 1. Ithaka, 2. die geographischen Angaben in der Odyssee, 3. die Komposition der Odyssee; zu denen die be-


