Aufsatz 
Griechischer Unterricht auf homerischer Grundlage
Entstehung
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Wie ist es möglich, in dem knappen Ausmass von 21 wöchentlichen Unterrichtsstunden binnen vier Schuljahren, auf die unser Lehrplan den griechischen Unterricht beschränkt, den Schülern nicht nur ein gewisses Quantum Sprachkenntnis beizubringen, sondern hauptsächlich ihnen diejenigen Kulturwerte zu vermitteln, die von den Griechen originell geschaffen und deren Kenntnis für den gebildeten Menschen überhaupt, aber doch namentlich für den Absol- venten des Gymnasiums zum Verständnis unserer eigenen Kultur unerlässlich ist?

Diese letzte Forderung ist als das eigentliche Ziel des griechischen Unterrichtes zu betrachten. Die Kenntnis der Sprache und Grammatik ist nur Mittel zur Erlangung dieses Zweckes.

Nach dem bisher am hiesigen Gymnasium befolgten Lehrplan wurde in der fünften Gymnasialklasse und in der ersten Hälfte der sechsten Griechisch nach dem Kaegischen Lehr- buch gelehrt, wobei ausschliesslich die formale Beherrschung der Sprache im attischen Dialekt angestrebt wurde. In der zweiten Hälfte der sechsten Klasse wurden dann ausgewählte Partien aus Xenophons Anabasis oder Memorabilien gelesen. Reichte die Zeit, so sollte man auch mit der Erlernung des homerischen Griechisch und der Homerlektüre beginnen. Indessen, dazu kam es selten.

In der siebenten Klasse wurde im ersten Semester Homer, im zweiten Herodot gelesen.

In der achten Klasse wurde gewöhnlich die platonische Apologie oder Kriton, ferner ein Drama von Sophokles, dann wieder Homer übersetzt.

Darbietungen über die Literatur, Kunst, Philosophie, Religion der Griechen wurden nur gelegentlich ohne systematischen Zusammenhang eingeflochten. Das Hauptgewicht des Unterrichts lag auf der grammatikalisch-formalistischen Seite.

An diesem Lehrplan scheint nun folgendes wenig zweckmässig. Für das eigentliche Ziel des griechischen Unterrichts sind die drei ersten Semester etwas mehr als der dritte Teil der ganzen ohnehin knappen Zeit so gut wie steril.

Das Kaegische Lehrbuch, gewiss in seiner Art ein gutes Unterrichtsbuch, sucht zwar in den Sätzchen, un denen die formale Grammatik eingeübt wird, möglichst viel Stoff aus der griechischen Sage und Geschichte zu verwenden, aber das ist doch wohl nur eine Rekapitulation des im Geschichtsunterricht Gelernten. Daneben finden sich aber eine Menge Sätze, bei denen man mit Recht fragen kann, was für ein Interesse und welchen Gewinn der Schüler der fünften Klasse hat, wenn er sie ins Griechische übersetzt, wie z. B. folgender Satz, eine so unbestreit- bare Wahrheit er zwar enthält:»Aus bittern Quellen fliessen keine(nicht) süsse Wasser« (Kaegi I,§ 32, B. 11), oder folgende, das Stilgefühl nicht eben stärkende»Periode«:»Weder durch die Höhe der Mauern, noch durch die Tiefe und Breite der Gräben, noch durch die Schönheit der Häuser, noch durch die Menge der Gelder wird der Staat gerettet, sondern durch die Tapferkeit und Rechtschaffenheit der Bürger«(Kaegi I,§ 28, B. 10). Selbst der Satz:»Zur Zeit des Homer waren Wein und Fleischstücke geschätzte Gaben beim Mahle«(Kaegi I,§ 29 B. 6) dürfte das Verständnis der Schüler für die Eigenart des homerischen Menschen woh kaum wesentlich fördern.