— 13—
Storm, in ⸗poetisch wahrer, liebevoller Zeichnung⸗, und am Ende(Deutsche Rundschau 99. Band S. 403) heißt es von dem Verstorbenen,-er hat— auch in späteren Jahren— zuweilen Verse geschrieben, auch einige Lieder komponiert. Aber das Merkwürdigste, was von ihm herrührt, hat sein Vater in jener Novelle Ein stiller Musikant- aufbewahrt: zierliche Reime, die der zehnjährige Knabe ganz so, wie sie dastehen, gedichtet hat— Theodor Storm zeigte mir sie schon in den sechziger Jahren.... Fast tut es leid., die so anmutige Legende zu zerstören. Denn wirklich liegt hier ein Irrtum vor. Die Verse aus dem eStillen Musikanten“, die Tönnies anführt, hat Storm selbst geschrieben, sie sind auch nicht in den erwähnten Lederband eingetragen, wie Tönnies perichtet. Dort findet sich nur das Gedicht Karl Storms; es hat den Vater zu den eigenen Versen angeregt und ihn überdies auf den»Veilchenplatz“ der Novelle geführt. So bleibt es, wenn auch nur in kleinerem Ausmabe, bedeutsam und immerhin einer Bekanntgabe wert. Es lautet:
Der Felsen.
Ich gieng den Felsen da hinan;
Wer auch nur so was machen kann! Das ist der Liebe Gott dort oben, Den müssen wir auf ewig loben.
Mit vollem Herzen, mit frohem Mut, lch wußte ja, mein Herz war gut.
Ich ging zum Veilchenplatz hinan.
Da dacht ich wieder von Neuem dran: Wer auch nur so was machen kann.
Karl Storm, Heiligenstadt, Frühling 1864.
Außer dem von Tönnies erwähnten haben sich noch vier andere Manuskripte erhalten. Das älteste,(Mrs 1) ein kleines, in braunes Leder gebundenes Bändchen in Oktavformat mit anfänglich nummerierten Seiten enthält bis in die erste Universitätszeit Storms zumeist Gedichte, später auch Aphorismen, Skizzen, Tagebuch- oder vielmehr Erinnerungsblätter, eine kurze Kritik über Hebbels 1842 in Hamburg erschienene Gedichte, die erste Niederschrift der Posthuma(1849). Die ersten Verse vom 17. July 1833, ein Liebesgedicht des damals 16jährigen, die letzten, einem noch unveröſtentſi hten Gelegenheitsgedicht angehörend, aus dem Ende der 70 ger Jahre. Dieses erste Buch hat Storm, wie es scheint, zeitlebens benützt. Später, als ein anderer Band die Gedichte aufnahm. schrieb er in diesen erste Entwürfe ein, einzelne Zeilen, Strophen, die ihm einfielen, Gedicht- umrisse also. Wie denn Fontane von ihm berichtet, daß er an vielen unter seinen kleinen Gedichten ein halbes Jahr und länger gearbeitet habe-. — Wer mit der Art und dem Inhalt dieses Bandes vertraut geworden, erfährt, nach welchem Muster Storm poetisch veranlagten Menschen in seinen Novellen ein gleiches Besitztum in die Hände gegeben. Sätze aus dem Immensee⸗ und dem grünen Blatt⸗ kommen ins Gedächtnis, davon einige an dieser Stelle einen Platz beanspruchen. Es war ein altes Buch, eine Art Album, aber lang und schmal wie ein Gebetbuch. mit groben gelben Blättern. Er hatte es während seiner Schülerzeit in einer kleinen Stadt vom Buchbinder anfertigen lassen, und später überall mit sich umher geschleppt. Verse und Lebensannalen wechselten miteinander, wie sie urch äußere oder innere Veranlassung entstanden waren. Es waren meistens unbedeutende Geschichten oder eigentlich gar keine; ein Gang


