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wie Q. Fabius Pictor, L. Cincius Alimentus, C. Acilius zukäme, vorausgeſetzt, dieſelben hätten ſchon bis vor 216 ihre Werke, oder Theile davon veröffentlicht.
Wenn ich erſt an letzter Stelle zu ſagen wage, daß der Brief, einige Stellen wenigſtens, eines Archimedes nicht würdig zu ſein ſcheinen, ſo geſchieht dies, weil mit dieſer Art der Begründung Mißbrauch getrieben und man ſich manchmal mit dieſer ein⸗ zigen Redeweiſe bei der Aburtheilung eines zweifelhaften Werkes begnügt hat. Ich will hier kein beſonderes Gewicht auf dieſen Einwand legen, der ſich weſentlich auf jene Aus⸗ fälle gegen die Römer(Fol. 69 v.), eine eitele Ruhmredigkeit(Fol. 70) u. a. der Art bezieht. Der Hauptgedanke des Schriftchens iſt gewiß eines Archimedes nicht unwürdig, wenn auch ſeinem Zeitalter nicht gemäß.
Im Vorſtehenden iſt ſchon meiſt Rückſicht genommen auf das, was ſich für die Feſthaltung der Urheberſchaft des Archimedes ſagen läßt. Daß der leitende Gedanke des Schriftchens eines Archimedes nicht unwürdig ſei, wurde ſoeben zugegeben. Daß ein Gelo und ein Archimedes auf dieſes Thema kommen konnten, dafür mag man anführen die Lage von Syrakus inmitten griechiſcher, römiſcher, etruskiſcher, karthagiſcher und ägyptiſcher Kultur. Den ſachlichen Einwänden mag man die Spärlichkeit und Unlauterkeit unſerer Quellen für jene Zeit entgegenſetzen; und bezüglich der Ueberlieferung mag man, wie oben geſagt, eine Kette von Vermuthungen zwiſchen der Feder des Archimedes vom Jahr 217 n. Chr. und unſerem lateiniſchen Brief vom Jahr 1688 knüpfen. Aber könnte man auch jeden einzelnen Einwand hinfällig machen, oder eine gewiſſe Verträglichkeit zwiſchen ihnen und dem Brief als einem Werk des Archimedes herſtellen: gegen die Ge⸗ ſammtheit ſo vieler Bedenken dürfte ſchwerlich Jemand die Aechtheit des Briefes be⸗ haupten wollen.
Meine im einzelnen ſchon geäußerte Meinung geht zuſammengefaßt dahin, daß der Brief nicht von Archimedes, daß er nachchriſtlichen Urſprungs, ja erſt nach der erſten Re⸗ naiſſance, wenn nicht nach der Reformation entſtanden iſt. Er muß aus einer Zeit ſein, wo des Copernicus Lehren bekannt, wo die Gelehrſamkeit und philologiſches Wiſſen aus⸗ gebreitet und gründlich war, wo die Religionszänkereien die Vernünftigen ermüdet hatten. Damals waren die Wiſſenſchaften, beſonders die empiriſchen, zuſammen mit der Philo⸗ ſophie wieder in mächtigem Aufblühen und es brach eine Zeit der Aufklärung an, die an den Glaubensſätzen und Einrichtungen der einzelnen Kirchen und Parteien, ja an dem Trinitätsdogma ſelbſt zu rütteln wagte. Je tiefer wir den Urſprung des Briefes herunter rücken, deſto mehr verträgt ſich ſeine Tendenz mit dem Zeitalter. Im 16. Jabrhundert geht ſelbſt ein Henricns II. Stephanus in ſeinen ſatiriſchen Schriften(z. B. Traité préparatif à l'Apologie pour Hérodote, 1566) bei ſeinen Ausfällen gegen die Kirche noch nicht ſo weit, daß er von beſondern Religionen, alſo auch dem Chriſtenthum nichts mehr willen will, und daß er den menſchlichen Urſprung aller beſondern Religionen behauptet. Ihm iſt wenigſtens die Bibel mit allem, was darin iſt, noch ein göttliches Buch und Chriſtus göttlicher Natur. Zwiſchen ſeinen Ideen und denen unſeres Schriftchens beſteht alſo noch eine Kluft, die wahrſcheinlich auch zwiſchen ihren Zeitaltern liegt. Möglich iſt es daher, daß der Brief um oder kurz vor 1688 abgefaßt worden ſei: doch ſchwer möchte es ſein, eine gewiſſe Beziehung zwiſchen ihm und beſtimmten Zeitereigniſſen herauszu⸗


