Von
cruedschr Karl Henning. riye“tsbibtiothok
Der beifolgende Brief würde, wenn wirklich von Archimedes, ein ganz anderes Intereſſe beanſpruchen, als das wenige, das ihm vielleicht durch ſeinen Inhalt zukommt. Doch leider ſind wir in derſelben Lage wie einſt J. Fr. Boissonnade(Notes et Extr. des MSts de la Bibl: du Roi 1818, vol. X. P. 2 p. 123— 298) bei der erſten Heraus⸗ gabe von Briefen des Cynikers Diogenes von Sinope; in der Lage nämlich, erklären zu müſſen, daß dieſer Brief des Archimedes kaum mehr Anſpruch auf Aechtheit hat, als jene des Diogenes, wenn auch ſeine Unächtheit vielleicht nicht ſo leicht zu beweiſen, noch weniger durch das Folgende ſo erwieſen iſt, als die Unrichtigkeit jener dem Diogenes beigelegten Machwerke. Wir bringen den brieſſtelleriſchen Erzeugniſſen der vorchriſtlichen griechiſchen Literatur ſeit Bentley's, Boiſſonnade's, Wiegand's, Weſtermann's, Bernay's und Anderer Unterſuchungen mit Recht Mißtrauen entgegen. Vorſchnelles Ab⸗ und Ver⸗ urtheilen, ohne Beweiſe beizubringen, iſt indeß ebenſo verkehrt, als eine bona fide-An⸗ nahme und Benutzung ſolcher zweifelhaften Produkte in literar⸗hiſtoriſchen Abhandlungen, wo hin und wieder ſie immer noch als Quellen angeführt werden: ich erinnere an die Briefe von Plato. Nur nach erwieſener Aecht⸗ oder Unächtheit läßt ſich, wie Ber⸗ nays an den Briefen des Heraklit zeigt, mehr oder weniger Nutzen für die geſchichtliche Forſchung auch aus der epiſtolographiſchen Literatur ziehen.
Seit einigen Jahren mit dieſem Zweig der griechiſchen Literatur, zumal mit dem Aufſuchen von Anecdotis beſchäftigt, fand ich folgenden Brief, oder vielmehr Brief⸗ fragment in Codex 2623 der Sloane Collection, der älteſten Handſchriftſammlung des British Museum in London. Dieſe Sloane Collection wurde nach dem Tode des Sammlers, Grafen Sloane(† 1753), dem Wunſche desſelben gemäß, vom Staate billig erſtanden und mit dieſer Sammlung der Grund gelegt zu den reichen Handſchriftſchätzen des Britisn Museum. Der Codex 2623 iſt ein papierner Bündelkodex von 125 Blättern, in 8⁰, 12⁰˙9 und 160 Format, von verſchiedenen Händen des 17. Jahrhunderts geſchrieben und zumeiſt kleinere mediciniſche Schriften von Männern jener Zeit enthaltend. Genauere Auskunft darüber gibt weder der Catalog von Ayscouch(gedruckt 1782) noch der neue Separatkatalog der Sloane Collection. Unſer Brief ſteht von Fol. 61 bis 73, 160 Format, und iſt von einer beſonderen Hand deſſelben Jahrhunderts klar und deutlich geſchrieben; vorkommende Eigennamen ſind darin überſtrichen. Wo ich des Textes nicht ganz ſicher zu ſein glaubte, habe ich eine Nachvergleichung durch einen Freund, Herrn Fr. Weber zu
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