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London, anſtellen laſſen, dem ich hierfür, wie für manche andere Notiz, zu Dank ver⸗ pflichtet bin.
Der Brief iſt an Gelo, Hiero II.' Sohn, gerichtet, denſelben, dem Archimedes auch ſeinen Waunirns, Arenarius, mit einem Briefe voran, zugeſchickt hat(Archimedis Opera ed. Torelli, pag. 319— 332). Abgefaßt iſt oder will der Brief ſein in der Zeit zwiſchen der Schlacht am Traſimeniſchen See(nupero proelio bezeichnet Fol. 71 v.), nach Mommſen, röm. Geſch., IV. Aufl. Bd. I., 604 Anm. im April 217 geſchlagen, und der Schlacht bei Canna(Juni 216), nach welcher Gelo und Hierorraſch hintereinander ſtarben.
Vorwort und Hauptinhalt des Briefes, die wichtigſten, wril angrifflichſten Punkte ſeiner Aechtheit ſtelle ich ſofort voran. Auf die Uebérſchrift(Fol. 61)„Epistola Archi- medis ad Regem Gelonem Albae Graecae Reperta. Anno Kerae Christianae 1688“ folgt(Fol. 61 verso) das Vorwort: Typographus Lectori Salutem. Videtur hoc fragmentum, quod forsan mirere nemini memoratum, transisse in Latiuum ser- monem vergente jam imperio et superante barbarie. Nolui tamen posteris invidere quidquam quod ab Archimede potuerit proficisci.
Dem Inhalt nach zerfällt das Brieffragment in zwei Theile. Ueber den Werth der verſchiedenen Religionen(Sekten) befragt, gibt er im erſten Theil(bis Fol. 70 v.) ſachliche, im zweiten, nicht völlig vorhandenen Theil formelle Gründe für die Anſicht, daß keine einen Vorzug verdiene noch verdienen könne.
„Du fragſt, welche von den beſtehenden Religionen(Sekten) die vorzüglichere ſei. — Keine!— Zum Glauben an Gott(Fol. 63) zwingt mich ſchon die Beobachtung der Erdbahn, des Blutlaufs(Fol. 64), zum Rechtthun eine innere Nothwendigkeit, und zur Aufſtellung der allgemeinen unſer Leben regelnden religiöſen Vorſchriften bedurfte es deshalb keiner beſonderen Religionen. Was ja auch die einzelnen Religionen unterſcheidet, ſind nicht jene allgemeinen und ihnen gemeinſamen Grundſätze, ſondern beſondere, oft widerſinnige Einrichtungen, die die Völker wahrlich nicht beſſer gemacht haben, trotz des göttlichen Urſprungs, der für ſie in gleicher Weiſe wie für jene behauptet wird. Beweis die Römer und ihr Verhalten ſeit Numa!
Das dürfte ſchon genug ſein(F. 20 v.), dich vom Anſchluß an eine beſondere Sekte abzuhalten, doch verlohnt es ſich vielleicht der Mühe, über die Glaubwürdigkeit der Sekten Einiges hinzuzufügen.
Bei Vergleichung der Glaubwürdigkeit zweier Sekten verdient die den Vorzug, die für ihren Urſprung die größere Zahl auctorum sive testium aufzuweiſen hat, die Wahr⸗ haftigkeit der Urheber beider als ſelbſtverſtändlich angenommen. Bei der Frage aber, wer der wahre Urheber einer Sekte geweſen ſei(Fol. 72 v.) muß zur Antwort gegeben werden: eines Gottes bedurften ſie dazu nicht; denn wenn die behaupteten göttlichen Einrichtungen einer Sekte von Menſchen verſtanden und verbreitet werden konnten, ſo konnten ſie ebenſo gut von Menſchen gefunden werden.“
„Caetera desiderantur“, mit der solutio problematis, des nämlich: Wer iſt, wenn kein Gott es war, der wahre Urheber, resp. Offenbarer der verſchiedenen Reli⸗ gionen geweſen?


