Aufsatz 
Ein unächter Brief des Archimedes
Entstehung
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Bundesgenoſſen Aegypten verfolgte. Iſt an den I. puniſchen Krieg zu denken, wobei freilich die Worte in Italia Siciliaque bellantium auffällig wären, ſo müßte unter Antiochus entweder Antiochus I. Soter(281 261) oder Antiochus II. Oec(261 247) gemeint ſein. Von dem Verhalten Syriens, der öſtlichen Staaten überhaupt, zu dem I. puniſchen Krieg wiſſen wir Nichts; die für jene Zeit ſpärliche Quellen laſſen uns hier ſo gut wie gänzlich im Stiche.(Droyſen Geſch. des Hellenismus II. 274.) Daß Aegypten und Syrien aber großes Intereſſe daran nahmen, können wir uns denken, jenes mehr in Römer⸗freundlichem, dieſes mehr in feindlichem Sinne. Die bekannteren Vorgänge nach dem I. puniſchen Krieg beſtätigen dies.

Noch mehr ſchwebt für mich in der Luft ein gewiſſer Clodius, deſſen er(Fol. 68 v.) bei der Anführung eines ſeiner Lehrſätze(des erſten in dem Buche ⸗u⸗lou ueroος) Er⸗ wähnung thut. Er ſagt dort: Jener Lehrſatz iſt wahr, non ideo quod hoc ab Apolline fuerit(teste puto Clodio) pronuntiatum, sed ideo quod natura prius inesset his figuris et a nobis patefactum. In gleicher Weiſe unbekannt iſt mir der Ausſpruch des delphiſchen Orakels. Daß unter dieſem Clodius der berühmte nachchriſtliche Claudius Ptolemaeus gemeint ſein könne, kann ich nicht annehmen, ſo ſehr auch dieſe Annahme einen Archimedes als Verfaſſer des Briefes unmöglich machen und denſelben in die nach⸗ chriſtliche Zeit werfen würde. Allein dieſer Anachronismus wäre zu tölpelhaft, für den gelehrten Verfaſſer des Briefes, deſſen ſachliche Irrthümer verhältnißmäßig wenige und geringe ſind. An wen wäre aber zu denken? Oder liegt ein Schreibfehler zu Grund? Oder erdichtet der Verfaſſer wieder Perſonen und Thatſachen? Dieſe Vermuthung, in Ver⸗ bindung mit der vorletzten, ſcheint mir die wahrſcheinlichſte.

So benutzt der Verfaſſer durch Erwähnung ſonſt unbekannter Dinge, ſogar in unnöthiger Weiſe,*) das freie Spiel, das ihm Mangel an Quellen gewähren, um ſeinem Produkt einen Schein der Aechtheit und Originalität zu verſchaffen, den es allerdings um ſo mehr dadurch haben würde, wenn nicht ſonſt ſo gewichtige Verdachtsgründe gegen die Aechtheit vorlägen. Bei dem Vorhandenſein ſolcher Gründe fällt das Herbeibringen un⸗ bekannter oder wenig begründeter Dinge nur noch mehr in die Wagſchale gegen die Aechtheit. So weiſt er dem Aristarch von Samos ganz beſtimmt die Urheberſchaft des heliocentriſchen Syſtems zu**)(Fol. 63), ſich ſelbſt bekennt er daſelbſt als Anhänger dieſer Meinung; ſo verweiſt er auf ſein liber Mechanicorum, welches wir nicht mehr beſitzen(Fol. 63); weiter läßt er den Erasistratus Viviſektion an Hunden n. ſ. w. treiben, ihn die Lehre vom Kreislauf des Blutes, von den Nerven und ihrer Verbindung zwiſchen Hirn und Herz ausſprechen; Fol. 66 verweiſt er für Numa und ſeine Einrichtungen auf die probatissimi historici populi Romani, welche ehrende Benennung alſo doppelt ehrend aus dem Munde des Griechen Archimedes griechiſch ſchreibenden Annaliſteu,

*) Archias z. B. iſt ſicher eine unnöthige Figur, da Archimedes das Eraſiſtratus Meinungen und Ver⸗ fahren in Aegypten ſelbſt konnte kennen gelernt haben.

**) Vgl. Gruppe, die kosmiſche Syſteme der Griechen 1851, Berlin und J. K. Schaubach, Geſchichte der griechiſchen Aſtronomie 1802 pg. 468 ff.