Aufsatz 
Ein unächter Brief des Archimedes
Entstehung
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Erinnert er nicht an das Schiller'ſche Diſtichon: Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, Die du mir nennſt. Und warum keine? Aus Religion.

Leider wiſſen wir aus anderen Quellen über Archimedes' Leben überhaupt nur Weniges,*) und gar nichts über ſeine religiöſen Anſichten. Der Verfaſſer des Briefes hatte alſo freies Spiel. Das benutzte er; freilich nicht im Einklang mit dem Geiſt von Archimedes' Zeitalter. Denn eine Betrachtung des Werthes der einzelnen Religionen, eine ſo entſchiedene Polemik gegen ihre beſondere Satzungen und den behaupteten gött⸗ lichen Urſprung ihrer Lehren, Verwerfung aller dieſer Beſonderheiten als Aberglauben würde meines Wiſſens einzig daſtehen in der vorchriſtlichen Literatur der Griechen. Zu⸗ mal iſt es nicht die Polemik einer Sekte gegen die Meinungen anderer Sekten, keine Polemik entſtanden mitten im Kampf ſtehender, um Herrſchaft ringender Anſichten, ſon⸗ dern mehr die Polemik eines Mannes, der angeekelt von dem Treiben der Religions⸗ parteien ſich gegen alle zu gleicher Zeit wendet. Solche Religionsſtreitigkeiten kannte das 3. Jahrhundert v. Chr. nicht, das ſich genug ſein ließ an den Kämpfen der Philoſophen⸗ ſchulen. Dagegen war ein viertes und fünftes, oder wenn dies aus andern Gründen nicht möglich iſt, ſo war ein XVI. und XVII. Jahrhundert der richtige Boden, wo ein ſolcher Ekel und ein ſolches Schriftchen entſtehen konnte. In dem, was der Verfaſſer auf Fol. 72 über den einen und die drei Hannibals ſpricht, ſehe ich deshalb eine Pole⸗ mik gegen die Trinitätslehre; anders gefaßt wäre dieſes Beiſpiel in die Beweisführung eines Archimedes an den Haaren herbeigezogen.

Im Einzelnen iſt das Schriftchen mit ziemlicher Sachkenntniß geſchrieben, und nur hier und da ertappt man den Verfaſſer auf Aeußerungen, die wir nach unſerer freilich mangelhaften Kenntniß jener Zeit entweder für uurichtig oder unbegründet halten müſſen. Auf Fol. 62 v. ſagt er bellum quod inter Carthaginienses et Romanos in Sicilia geritur. Dazu iſt zu bemerken, daß damals, d. h. vor der Schlacht bei Cannae und Hiero's Tod noch kein Krieg in Sicilien geführt worden, er müßte denn ein Seetreffen im Auge haben, das vielleicht vor Hiero's Tode bei den Aegatiſchen Inſeln geliefert worden ſein mag. Einige Zeilen weiter ſagt er: si Carthaginiensium in Italia minuantur opes, vehementer nobis metuendum ab Romanis erit etc. Furcht und Haß ſind überhaupt die Gefühle, von denen er den Römern gegenüber erfüllt iſt; ſiehe F. 62. v. zu Ende, u. F. 69. v.; wo er die Römer mehr ſchimpft, als tadelt gewiß für einen Archimedes wenig anſtändig! Beide Gefühle erklären ſich übrigens bei der Annahme, daß Archimedes zur karthagiſchen Partei in Syrakus gehörte, an deren Spitze Hiero's eigener Sohn, eben Gelon ſtand, an den der Brief gerichtet iſt(Liv. 23. 30.) Wie aber Archimedes nach drei aufeinander folgenden Niederlagen der Römer vor dem vierten und größten Sieg bei Cannae für Hannibal wegen Ausbleibens von Verſtärkungen fürchten und eine Uebermacht der Römer in ihrer Gefahr für das ihnen ſeit 45 Jahren befreundete Syrakus ins Auge faſſen konnte; wie Archimedes

*) Ein Herakleides hatte ein Leben des Archimedes geſchrieben, das Eutocius von Ascalon, des Ar chimedes Commentator, citirt, ſo im Comment. eis A. zurlou erανmν.