Aufsatz 
Ein unächter Brief des Archimedes
Entstehung
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mittelalterlichen Sprache jener von Fehlern wimmelnden Doppelüberſetzungen. Gegen die Annahme, daß das Schriftchen eine Ueberſetzung aus der Renaiſſance⸗Zeit ſei, ſtreitet meines Erachtens zwar der lateiniſche Ausdruck nicht, wenn ich auch ſo einige Uneben⸗ heiten in Sprache und Sinn geradezu vermiſſen würde und mich des Eindrucks nicht erwehren kann, als ſei das Latein des Briefes ein urſprüngliches, nicht das eines Ueber⸗ ſetzers. Wir würden aber fragen müſſen:Wo iſt das griechiſche Original geblieben, wenn es ſich bis ins 14. oder gar 15. sec. erhalten hat? Denn mit Beſtimmtheit iſt es kaum von irgend einer Schrift eines berühmteren Autoren erwieſen, daß ſie nach dem 14. sec. verloren gegangen ſei*). Gegen ein im Alterthum griechiſch oder auch lateiniſch abgefaßtes Original unter Archimedes' Namen, ſpricht aber vor Allem eben der Umſtand, daß keiner der uns vorhandenen griechiſchen oder lateiniſchen Schriftſteller dieſen Brief des Archimedes kennt, auch der uns erhaltene Commentator des Archimedes nicht, Eutocius aus Ascalon zur Zeit des Kaiſers Juſtinian. Doch dieſer iſt eben ein Mathematiker! und der Brief berührt nur nebenbei Mathematik, wie er auch Aſtronomie und Medicin berührt, Politik und Geſchichte, Religion und Mythologie. Freilich aus dieſen Wiſſen⸗ ſchaften zieht er gerade Dinge und Streitfragen herbei, oder äußert darüber Meinungen, die für die Zeit eines Archimedes, für das ganze folgende Alterthum, ja noch für die Zeit der Renaiſſance(Copernicus ſtarb erſt 1543!) von großem Intereſſe ſein mußten, zumal wenn ſie aus dem Munde eines Archimedes kamen. So ſpricht er von dem Lauf der Erde um die Sonne, kritiſirt die Meinung des Ariſtarch von Samos darüber, ſpricht vom Blutlauf, den Nerven, der Lebenskraft, der Viviſektion an Hunden, Kälbern und Schafen, den Erſcheinungen dabei, kritiſirt hart die Römer, ihren Aberglauben und ihre politiſche Handlungsweiſe u. ſ. w. Und zu dieſen Einzelheiten kommt noch die ganze Tendenz des Briefes, die es unbegreiflich macht, wie er in den Zeiten des Kampfes zwiſchen Chriſtenthum und Heidenthum nicht als Waffe gegen erſteres hervorgezogen oder in der religiös bewegten Zeit der Renaiſſance nicht mit Begierde geleſen worden wäre. Müßte er ja doch in einer dieſer beiden Epochen überſetzt, alſo bekannt geweſen ſein, in einer, wenn nicht in beiden, griechiſch und lateiniſch vorgelegen haben! Der heraus⸗ gebende Typographus ſelber, mag er der Getäuſchte oder täuſchen Wollende ſein, ſagt nolui posteris invidere quidquid quod ab Archimede potuerit proficisci, zeigt alſo ſelbſt keinen ſtarken Glauben an die Aechtheit des Schriftchens.

Wenn wir nicht eine Kette von unwahrſcheinlichen Ausnahmefällen feſtſetzen wollen, um die Aechtheit zu behaupten, ſo dürften vorſtehende Erwägungen, die ſich bei der Be⸗ trachtung der Ueberlieferung des Briefes aufdrängen, ſchon genügen, ſeine Aechtheit min⸗ deſtens als unwahrſcheinlich darzuſtellen.

Dazu kommen noch ſachliche Bedenken!

Zunächſt ſcheint eben die Tendenz des Briefes, der leitende Gedanke nicht für das 3. sec. a. Chr. zu paſſen.

*) Vgl. Anm. zu pg. 7 der Einl., über des Archimedes Werker o Ooufterc.