Abb. 1. Der Sieg. Deckendetail vom Palazzo Labia. Venedig.
I.
Betrachten wir die einzelnen Blätter unſeres Bilderatlas zu Leſſings Laokoon, der ſich, wie geſagt, in der Reihenfolge ſeiner Bilder dem Gedankengange der Schrift anſchließt und daher ebenſowenig ſyſtematiſch geordnet ſein kann, wie die Kol⸗ lektaneen, als die Leſſing ſelbſt ſein Buch bezeichnet, ſo tritt uns die Allegoriſterei, die zu bekämpfen eine der Hauptaufgaben von Leſſings Streitſchrift bildet, in bezeichnenden Beiſpielen auf der erſten Tafel entgegen, und wir werden damit gleichſam vorbereitet für die Aufnahme der Leſſingſchen Ideengänge, indem wir die Kunſtwelt kennen lernen, in der dieſe Gedankengänge entſtanden ſind; es iſt die öde Überladung künſtleriſcher Formen mit an den Haaren herbeigezogenem Gedankeninhalt und mit künſtlich erſonnenen Beziehungswerten, die wir beim Durchwandern der Spätrenaiſſance⸗, der Barock⸗ und Rokokopaläſte in zahlloſen Dekorationen kennen lernen und an der wir gleichgültig vorübergehen, weil wir aus einem ganz richtigen Gefühl heraus ungern zu ſeitenlangen Erklärungen greifen, wo doch das Kunſtwerk unmittelbar auf uns wirken ſollte; wir betrachten das Bild des„Sieges“, mit dem der Venezianer Tiepolo ein Deckenfeld des Palazzo Labia in Venedig geſchmückt hat(Abb. 1), und rekonſtruieren uns
mühſam die Gedankengänge, die den Künſtler im Geſchmacke ſeiner Zeit für die


