Aufsatz 
Kunstgeschichtliche Erläuterungen zu Lessings Laokoon
Entstehung
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Abb. 41. Grabmal Philipp Bethmanns.

war und deſſen Weſen darin beſteht, daß die Ausdrucksmittel einer anderen Kunſt, die Sprache, zuhilfe genommen werden müſſen, damit das Kunſtgebilde dem Be⸗ ſchauer verſtändlich wird; wenn z. B. Rethel in ſeinem Blatte derNemeſis, den Mörder verfolgend urſprünglich noch den Gedanken der Juſtitia in die eine Perſonifikation der Rachegöttin hereinbringen wollte, ſo lief er Gefahr, den einfach wirkungsvollen Eindruck ſeiner Kompoſition durch das Hinzutretenlaſſen einer künſtlichen Denkoperation abzuſchwächen.

In noch anderen Fällen endlich wird überhaupt der abſtrakte Gedanke durch Beſchränkung auf eine Figur trotz aller Häufung der Attribute nicht aus zudeuten ſein; Canovas Wohlthätigkeit vom Grabmal der Erzherzogin Chriſtina in Wien(Abb. 40) wird nur durch die Figur des hilfsbedürftigen Alten, den ſie geleitet, notdürftig in ihrer Weſenheit bezeichnet; ebenſo wird der Begriff des Handels ſeinem ganzen Weſen nach erſt bei einer Zweizahl von Figuren ganz klar zum Ausdruck zu bringen ſein. Wenn nun gar die Möglichkeit der ſchlichten Darſtellung des Vorgangs ſelber ſich dem Künſtler bietet, ſo iſt es um ſo unver⸗ ſtändlicher, wenn der letztere ſich mit dem Notbehelf der allegoriſchen Perſonen abmüht; Thorwaldſen giebt an ſeinem Grabmal Philipp Bethmanns(Abb. 41) trotz aller Häufung allegoriſcher Einzelfiguren dem unbefangenen Beſchauer doch kein klares Bild des Vorgangs, der den Tod des jungen Mannes herbeigeführt hat. Eine gewiſſe zeitliche Gebundenheit muß obendrein jeder Künſtler in Kauf nehmen, wenn er ſeinem Werk ſinnbildliche Elemente beigiebt, deren Verſtändnis naturgemäß an Zeit und Ort gar ſehr gebunden iſt; am freieſten und unab⸗ hängigſten wird daher ſtets die Kunſt daſtehen, die die Natur allein wiedergiebt und den Gedankengehalt aus der Zuſammenſtellung und der Erſcheinungsform von Geſtalten der Wirklichkeit hervorquellen läßt. Die ſchon früher einmal herangezogene Kunſtwelt der altgriechiſchen Grabreliefs zeichnet ſich unter anderem auch durch das beinahe gänzliche Zurücktreten allegoriſcher Zuthaten aus.

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