Aufsatz 
Kunstgeschichtliche Erläuterungen zu Lessings Laokoon
Entstehung
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Wir denken uns das Buch bei der Beſprechung des Laokoon wenigſtens in ſo vielen Exemplaren vertreten, daß je zwei Schüler ein Exemplar desſelben vor ſich haben; der Anſchauungsapparat der Schule müßte alſo, wo die Beſchaffung des Atlas aus eigenen Mitteln den Schülern nicht zugemutet werden kann, eine dementſprechende Anzahl von Exemplaren enthalten.

Wenn für die Geſtaltung des Buches in erſter Linie die Rückſicht auf die Prima der höheren Schulen maßgebend war, ſo kann dasſelbe doch vielleicht mit Vorteil auch den Laokoonübungen, die an den kunſtgeſchichtlichen und archäo logiſchen Seminarien unſerer Hochſchulen veranſtaltet werden oder veranſtaltet werden ſollten, als elementare Grundlage dienen; ſollte dieſe Anſicht ſich als richtig erweiſen, ſo wäre durch ein Beiheft mit ausgedehnterem bildlichem und neueingeführtem gelehrtem Apparat ſehr leicht der Rahmen des Buches zu Gunſten ſolcher wiſſenſchaftlicher Studien zu erweitern; in dem vorliegenden Buche iſt mit Abſicht alles gelehrte Beiwerk ferngehalten und hoffentlich nur in ſeiner ſach lichen Einwirkung auf die Geſtaltung des Textes dem Sachkundigen wahrnehmbar.

Für die vielfach geforderte kunſtgeſchichtliche Belehrung als ſelbſtändiges Unterrichtsfach iſt meines Erachtens in der mit Bildungsſtoff an ſich ſchon über ladenen höheren Knabenſchule kein Platz; um ſo mehr ſoll der Geſchichtsunter⸗ richt, wo das im inneren Zuſammenhang mit den politiſchen und kulturwiſſen⸗ ſchaftlichen Vorgängen geſchehen kann, bedeutendere Erſcheinungen aus der Ent⸗ wicklungsgeſchichte der bildenden Kunſt in elementarer Weiſe ſchon auf der Unter⸗ und Mittelſtufe, mehr noch und eingehender aber auf der Oberſtufe dem Schüler vorführen. Tritt zu dieſer geſchichtlichen Heranziehung kunſtgeſchichtlicher Dinge eine Vertiefung in Fragen der Aſthetik oder der Philoſophie der bildenden Kunſt, wie ſie Leſſings Laokoon der Schule bringt, ſo iſt für ein richtiges Verſtändnis der bildenden Kunſt eine Grundlage geſchaffen, auf der im Kreiſe der Gebildeten das Leben weiter bauen kann. Zum Glück hat ſich ja gerade in den letzten Jahren die populärwiſſenſchaftliche Behandlung der Kunſtgeſchichte in Deutſch land in einer Weiſe entfaltet, daß zur Selbſtbelehrung das vortrefflichſte Material in reicher Ausdehnung vorhanden iſt.

Der Laokoon iſt eine polemiſche Schrift: wer ſie ganz verſtehen und in ihrer geſchichtlichen Bedeutung ganz erfaſſen will, muß ſich hineinverſetzen in die Welt der Spätrenaiſſancekunſt, in ihren Allegorienreichtum und in ihr Spielen mit Aufgaben, die dem Weſen der bildenden Kunſt geradezu widerſtreben.Aktuelle Bedeutung um ein beliebtes Schlagwort zu gebrauchen hat die Schrift als Ganzes für die heutige Zeit nicht mehr, ſo ſehr ſie mit einigen ihrerAus ſchweifungen ſchwebende Fragen unſeres modernſten Kunſtlebens zu berühren ſcheint; aber ſie iſt mit ihrer Vertiefung in das Weſen der verſchiedenen Kunſt arten das Muſter einer äſthetiſchen Streitſchrift und wird als Mittel zur Ein führung in die Gedankengebiete von Poeſie und bildender Kunſt noch lange ohne gleichen bleiben; dazu iſt ſie ein geradezu meiſterhaftes Beiſpiel außerordentlich zwangloſer, aber doch völlig überſichtlicher und innerlich feſtgefügter Dispoſition der Gedanken, und der epigrammatiſchen Schärfe von Leſſings Diktion kann man gerade am Laokoon ſich mehr wie irgend anderswo in ſeinen Werken erfreuen.

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