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Leſſing iſt nicht einmal im Sinne eines leiſtungsfähigen Dilettantentums ausübender„Maler“ geweſen; wenn er darum feine Fragen der Poetik im engeren Sinne vortrefflich behandelt, weil er auch ſelbſt ausübender Dichter war, ſo liegt ihm die Poetik der bildenden Kunſt ferne, und er hat wohlgethan, ſie nach allen ihren techniſchen Seiten hin gar nicht— nur einmal in einem Citat aus Mengs, dem Malerkritiker!— zu behandeln, während er über techniſche Fragen der Poeſie öfters Bemerkungen macht: aber inhaltlich und der Bedeutung der Formen nach beherrſcht auch Leſſing die bildende Kunſt, und in ſeinen Ausführungen, ſowohl innerhalb der Schrift als innerhalb der viel zu oft über Gebühr vernachläſſigten Nachträge zum Laokoon iſt eine Menge feiner Beobachtungen und ſehr treffender Urteile über das Weſen und über einzelne Schöpfungen der bildenden Kunſt enthalten. Darum faßt meines Erachtens O. Jäger(Lehrkunſt und Lehrhandwerk S. 347) die Bedeutung des Laokoon für die Schule doch zu eng, wenn er als„den dauernden Gewinn, der dort zu holen iſt“, den bezeichnet— daß man„den rechten Weg Homer zu leſen“ findet—(vgl. auch S. 424 des Buches); ein wichtiges Verdienſt des Laokoon iſt damit freilich ja ſehr treffend bezeichnet, aber es iſt doch wohl eine Betrachtung des Sachverhaltes allzuſehr nur von ſeiner Seite aus; ſehr richtig iſt dagegen Jägers Bemerkung ebenda, daß„Äſthetiſches nur ſo fruchtbar zu behandeln iſt, wenn man das Geſetz an einem dem Schüler bekannten oder erreichbaren Schönen prüft“.
Dies„Schöne“„erreichbar“ zu machen, iſt die Aufgabe der vorliegenden Bildertafeln zu Leſſings Laokoon; ſie geben eine Reihe von Kunſtwerken, die mehrfacher Erfahrung nach für die Erläuterung oder weitere Ausführung und Ausdeutung der Gedankengänge des Leſſingſchen Meiſterwerkes zweckmäßig ver⸗ wertet werden können, und ganz ohne Anſchauungsmaterial wird jetzt hoffentlich nirgends mehr der Laokoon geleſen und beſprochen— es würde das auch eine ſinnloſe Zeitvergeudung ſein! Aber da ſelbſt bei einem guten Anſchauungsapparat an der Schule das Herbeiſchaffen der Abbildungen mühſam iſt und die richtige innere Heranziehung des kunſtgeſchichtlichen Materials immerhin ein größeres Maß kunſtgeſchichtlicher Kenntniſſe vorausſetzt, als es für den Durchſchnitt der Leſer und Erklärer des Laokoon angenommen werden darf, ſo füllt dieſe Schrift vielleicht eine Lücke unſerer pädagogiſch⸗wiſſenſchaftlichen Litteratur in willkommener Weiſe aus.
Die Natur der Aufgabe bringt es mit ſich, daß auf dieſen Blättern dem Beſchauer eine recht bunte Folge von Erſcheinungen entgegentritt, die, nur durch das in Leſſings Gedankengang gegebene geiſtige Band zuſammengehalten, recht verſchiedenartige Kunſtrichtungen und Kunſtarten nebeneinander zeigt; dazu kommt, daß Wiederholungen und mehrfache Zurückverweiſungen auf früher ſchon Be— ſprochenes ſich nicht vermeiden ließen, wenn anders die Begleitſchrift zum Laokoon nicht den„Kollektaneen“⸗Charakter des Buches, dem ſie dienen ſoll, völlig durch— brechen ſollte. Was den Text zu den Bildern betrifft, ſo wird er hoffentlich ſeinen Zweck erfüllen, der darin beſteht, daß er die Gedankenverbindung zwiſchen Leſſings Ausführungen und dem hier veröffentlichten Bildermaterial andeutet und zugleich gelegentlich die Dispoſition der Leſſingſchen Schrift ſchärfer hervortreten laſſen und daneben einzelne von Leſſing berührte Fragen an heute ſchwebende Fragen der Kunſtübung und der Kunſtkritik anknüpfen ſoll; was Bonitz für die Dialoge des Plato meiſterhaft geleiſtet hat, ſoll hier mutatis mutandis an Leſſings Laokoon in beſcheidenſtem Maßſtabe verſucht werden.


