Vorbemerkungen.
A 96: Leſſings Laokoon, beſonders in ſeiner Eigenſchaft als Gegenſtand der ) Lektüre in unſeren Primen, unter den Künſtlern und Kunſtgelehrten, die ſich auch um pädagogiſche Fragen kümmern, zahlreiche Gegner hat, iſt eine allbekannte Thatſache, deren Gründe ja auch klar genug zu Tage trelen: die Schrift iſt, um mit dem minder wichtigen Geſichtspunkt zu beginnen, v von archäologiſchen Unrichtigkeiten, die mehr durch die allgemeine Lage der archäologiſchen Wiſſenſchaft in Leſſings Zeit als durch Leſſings perſönliche archäo⸗ logiſche Kenntniſſe und Fähigkeiten bedingt ſind, und die vom Standpunkt unſerer heutigen Monumentenkenntnis und Forſchungsmethode aus zu verbeſſern nicht eben ein beſonderes Verdienſt genannt werden kann. Es wird die Aufgabe eines verſtändigen Unterrichts ſein, von vornherein dieſe archäologiſch anfechtbaren Stellen möglichſt auszuſcheiden oder zurücktreten zu laſſen, womit denn zugleich dem auf ſie gegründeten Einwand gegen Leſſings Laokoon als Schullektüre der Boden zum mindeſten ſehr erſchüttert iſt; denn ein integrierender Beſtandteil der weſent— lichen Gedankengänge des Buches ſind dieſe archäologiſchen Einzelheiten nicht. Zu weit größerem Bedenken giebt jedoch die Frage nach Leſſings allge— meinem Kunſtverſtändnis Anlaß: die andersartigen Kunſtanſchauungen unſerer heutigen Zeit machen ihm einſeitige Klaſſizität, ungerechtes Verkennen der ganzen niederländiſchen Kunſt zum Vorwurf, und gerade künſtleriſch veranlagte Leſer pflegen beſonders ſtark zu empfinden, daß Leſſings Kunſturteile mehr auf verſtandesmäßiger Aneignung als auf unmittelbarer, freier Auffaſſung des Kunſt⸗ werkes beruhen. Man vergleicht wohl Winckelmanns Seherblick und den hohen Schwung der Begeiſterung, mit dem er von der Antike geſchrieben hat, um Leſſings Minderwertigkeit als Kunſtſchriftſteller recht ſtark hervortreten zu laſſen, und die Ergebniſſe von Leſſings Italienfahrt, mit einer gewiſſen Einſeitigkeit beurteilt, werden mit herangezogen, um als Zeugen gegen die Empfänglichkeit des großen Kritikers für Kunſteindrücke zu dienen. Kein Wunder, wenn die nur zum Teil richtige Vorſtellung, daß die Poeſie im Laokoon den Vorrang behaupte, die Malerei daſelbſt nur ſehr ſtiefmütterlich behandelt ſei, dazu führt, die Leſſingſche Schrift als recht wenig förderlich für die Auffaſſung künſtleriſcher Dinge zu verurteilen
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