Aufsatz 
Festrede zur Liebig-Feier am 16. Mai 1903
Entstehung
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Aussicht gestellt! Glaubten nicht viele ängstliche Gemüter das Ende der Welt ge- kommen, als durch das Machtwort unseres Kaisers die Gleichwertigkeit der auf der Naturwissenschaft basierenden Geistesbildung mit der humanistischen ausgesprochen wurde?

Wie? Die profame Naturwissenschaft soll gleichen Bildungswert haben, wie die seither einzig ideale altklassische Bildung? Sind aber die Ziele der Natur- wissenschaft, der Chemie, weniger ideale, weil diese Wissenschaft zahllosen Arbeitern Verdienst gibt, den Kranken Stärkung, den Fiebernden Linderung, der gesamten Mensehheit die Möglichkeit eines goldenen Zeitalters schon auf dieser Welt in Aus- sicht stellt?

Wohl ist theoretisch die Gleichberechtigung aller höheren Schulen im wesentlichen festgestellt, wohl ist die Gleichwertigkeit der realistischen und humanistischen Bildung ausgesprochen. Wie steht es jedoch in Wirklichkeit? Können wir mit der Neugestaltung der Dinge zufrieden sein? Entsprechen unsere höheren Schulen den Anforderungen des modernen Lebens? Man hat das vergangene Jahrhundert das naturwissenschaftliche genannt, und in noch erhöhtem Maſse wird man dies von dem 20. Jahrhundert sagen können. Doch was ergibt sich bei genauer Betrachtung unserer neuen und neuesten Lehrpläne? Die sog. Verbesse- rungen sind auf Kosten des naturwissenschaftlichen Unterrichts erfolgt. Die Physik und Chemie haben wenigstens in der Oberrealschule, dank ihren phänomenalen Erfolgen, gesicherte Unterkunft gefunden. Die Biologie aber, die Lehre von allem Lebenden auf der Erde, die Wissenschaft, welche Liebig in so erfolgreiche Bahnen für die gesamte Menschheit geleitet hat, die

Wissenschaft, welche die amtliche Bezeichnung das Wort geht mir immer nur schwer über die LippenNaturbeschreibung trägt sie ist das Aschen- brödel, ein Torso ohne Kopf und Beine, das einzige Fach, das in den oberen Klassen keinen Raum findet. Warum? Weil neben anderen Gründen

unsere höheren Schulen allesamt, die Oberrealschule nicht ausge- schlossen, Sprach-Gymnasien sind. Haben die Sprachen aber allein allgemeinen Wert für die formale geistige Ausbildung, gewährt die Beherrschung der sprachlichen Formen des Ausdruckes allein die wahre Freiheit des Geistes? Neben der sprachlichen Gliederung des Gedankens ist eine wichtige Geistes- tätigkeit die Kunst des Beobachtens. Hier leistet der sprachliche Unterricht so gut wie nichts. Bilden nicht oft statt der Vorstellungen von den Dingen selbst nur die gedruckten und geschriebenen Wortbilder den Hauptinhalt des Sprach- unterrichts? Wir wollen die Bedeutung des sprachlichen Unterrichts nicht unter- schätzen, jedoch er hat in unseren heutigen Schulen einen Umfang und eine Wichtigkeit, die ihm nicht zukommen! Wir müssen verlangen, daſs die Biologie auch in den obersten Klassen zu ihrem Rechte kommt. Jeder Mensch, der Anspruch aufallgemeine Bildungerhebt, undder Mensch, der sich selbstso gern als die Krone der Schöpfung bezeichnet, muſs wenigstens die elementarsten biologischen Kenntnisse besitzen. Worin besteht sein Anteil an der Herrschaft über die Natur? Warum hat er das Recht, für sich die vornehmste Stellung im Reiche der Lebewesen in Anspruch zu nehmen? In welchem Zusammenhang steht er denn mit der übrigen Natur? Gerade die Biologie aber zeigt uns, daſs die Natur gewaltig ist nicht nur im Groben und Groſsen, mehr noch im Feinen und Kleinen! Im verachtetsten Würmchen, im kleinsten Bakterium steckt soviel Groſses und Unfaſsbares, wie in den elementaren Eruptionen, welche die Erde erschüttern und Millionen von Lebe-